Nachgehen

Eine Spurensuche auf Walter Benjamins letzter Fluchtroute

  1. Die Pyrenäen als Landschaft der Übergänge
  2. Geschichten einer Flucht
  3. Auf der Ruta Walter Benjamin
  4. Der Blick zurück
  5. Die Konjunktur der Erinnerung
  6. Walter Benjamin und der Eigen-Sinn – Passagen

Anmerkungen

1. Die Pyrenäen als Landschaft der Übergänge

Die Pyrenäen bilden eine natürliche Grenze zwischen Frankreich und Spanien, zwischen dem europäischen Hauptland und der iberischen Halbinsel. Dort, wo sie nicht in den Himmel ragen, in ihren Tälern und auf ihren Passhöhen sowie an den Meeren, waren die Pyrenäen auch stets eine tierra de paso, eine Transitzone. An ihren östlichen Ausläufern gibt es zwei bedeutende Übergänge. Einer liegt im sanften, flachen Tal von La Jonquera und quert die Landesgrenze bei Le Perthus. Der andere kreuzt an der Küste am Coll dels Belitres zwischen Cerbère (Frankreich) und Portbou (Spanien). Daneben und dazwischen durchziehen kleine Wege die Landschaft, offizielle und inoffizielle, Pfade für Schmuggler, Verfolgte, Fliehende. Jede Gegend und jede Route hat ihre Konjunktur. Die Hoch-Zeit dieser Transitlandschaft, als sich die europäische Kriegs- und Verfolgungsgeschichte des 20. Jahrhunderts an dieser Grenze kristallisierte, war zwischen dem Winter 1938/39, als der spanische Krieg mit dem Sieg Francisco Francos endete, und den Jahren 1940/41, bevor im Sommer 1941 die systematische Vernichtung der europäischen Juden begann.

Francos Katalonien-Offensive vom Dezember 1938 bedeutete für Hunderttausende spanische Zivilisten und Soldaten republikanischer Einheiten die Flucht ins Exil. Die Internationalen Brigaden hatten sich schon am 28. Oktober mit einer Parade in Barcelona verabschiedet. Über die Pyrenäen kam man nur noch durch Katalonien, die letzte republikanische Gegend im Nordosten Spaniens, über die Berge und entlang der felsigen Küste. Im harten Winter 1938/39 flüchteten innerhalb weniger Wochen rund 500.000 Menschen über die Pyrenäen nach Frankreich; allein über den Coll dels Belitres (wörtlich übersetzt: Pass der Gauner, der Schamlosen) gingen schätzungsweise 90.000 bis 100.000 Flüchtlinge.[1] Diese Emigration ist in die spanisch-französische Erinnerung eingegangen als Retirada – ein Begriff, der der Militärsprache entlehnt ist. Er bedeutet Rückzug und eben nicht Flucht, obwohl die Mehrzahl der Betroffenen fliehende Zivilisten waren. Sein Konnotationsraum hat etwas Vorläufiges: Die Sache ist noch nicht verlorengegeben, die Niederlage nicht endgültig.[2] Enrique Líster, ein legendärer kommunistischer General der republikanischen Armee, konnte seine Truppen nicht auf offener Straße außer Landes bringen. Er nutzte einen versteckten Pfad, der oberhalb der Küste über den ersten Gebirgspass ging, den Coll de Rumpissar auf über 500 Metern Höhe. Dieser Weg trug in der Folgezeit den Namen Ruta Líster. Von Portbou aus führt er flach landeinwärts, um dann abrupt auf die Passhöhe aufzusteigen, von wo es auf nahezu doppelter Wegstrecke durch Geröllfelder und Weinberge ins französische Banyuls-sur-Mer hinuntergeht.

Diese heiße Fluchtroute hatte kaum Gelegenheit abzukühlen, bevor sie im Sommer 1940 in die entgegengesetzte Richtung reaktiviert wurde. Zahlreiche deutsche Intellektuelle, unter ihnen auch Walter Benjamin, waren vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nach Frankreich ausgewichen, vor allem nach Paris und an die Côte d’Azur.[3] Nach dem Einmarsch der Deutschen operierte in Marseille ab August 1940 das amerikanische Emergency Rescue Committee (ERC), koordiniert von Varian Fry, mit dem Ziel, diese Intellektuellen außer Landes in Sicherheit zu bringen. Als Schiffspassagen kaum noch zu organisieren waren, nutzten die Flüchtenden den Weg über den Coll dels Belitres.[4]

Walter Benjamin befand sich seit 1933 im Exil, überwiegend in Paris, teils bei seinem Freund Bert Brecht in Dänemark und auf Ibiza. Noch zur Jahreswende 1939/40 widerstand er den Aufforderungen seiner Ex-Frau Dora, Paris zu verlassen, und erneuerte trotz wiederholter Internierungen lieber seinen Ausweis in der Bibliothèque Nationale. Erst im Frühjahr 1940 brachte er seinen Besitz in Sicherheit. Im Mai reiste er nach Lourdes, und Ende August gelangte er zu spät zu Varian Fry nach Marseille.[5] Die Gestapo machte im September 1940 den Weg über den Coll dels Belitres dicht.[6] Fluchthelfer und Schützlinge mussten deshalb auf eine andere, schwierigere Route ausweichen: die Ruta Líster.

Wie ein Palimpsest hat diese Route verschiedene Namen getragen, je nachdem, welche Persönlichkeit die Wahrnehmung und Erinnerung bestimmte. Nach Ruta Líster hieß sie 1940/41 für einige Zeit F-Route, F wie Lisa Fittko, die wichtigste Fluchthelferin über die Pyrenäen, die aus antifaschistischer Überzeugung mit Varian Fry und dem ERC zusammenarbeitete – zu dessen Mitarbeitern wiederum ein Mann mit dem Decknamen Hermant gehörte, der selbst über die F-Route flüchtete: der spätere Professor Albert O. Hirschman.[7] Heute ist dieser Pfad als Wanderroute markiert, leicht zu finden, ausgestattet mit Infotafeln, und er firmiert unter dem Namen seines »Erstbegehers«, der zu einer Ikone legitimer Flucht werden sollte, ein herausragender Fall inmitten einer Landschaft der Querungen, nicht zuletzt wegen seines tragischen Endes in Portbou: Ruta Walter Benjamin.

Der ganze Essay zum Weiterlesen auf den Zeithistorischen Forschungen:

https://zeithistorische-forschungen.de/3-2018/id=5619