Verena Boos steht als Schriftstellerin im Dialog mit der akademischen Gedächtnisforschung ebenso wie mit Aktivisten und Praktikern im Feld der Erinnerungsarbeit. Sie ist Mitglied der Frankfurt Memory Studies Platform, eines Netzwerkes, das Gedächtnisforschung international und über den akademischen Horizont hinaus betreibt. Seit steht in Kontakt zur spanischen Erinnerungsbewegung, die sich mit dem historischen Erbe des Franquismus auseinandersetzt, Massengräber exhumiert und für die juristische Aufarbeitung der Franco-Verbrechen kämpft. Über den Sommer 2017 arbeitet sie als Stipendiatin des internationalen Austauschprogramms „Memory Work“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am Instituto de Lengua, Literatura y Antropología des CCHS/CSIC in Madrid zu Erinnerungspolitik und der Kultur des Gedenkens von Gewalt und Totalitarismus in vergleichender Perspektive.

 

„Blutorangen“ – ein Erinnerungsroman

Mnemosyne_(color)_Rossetti

Mnemosyne. Dante Gabriel Rossetti (1881). Delaware Art Museum, Samuel and Mary R. Bancroft Memorial.

„Blutorangen“ ist eine europäische Familiengeschichte, ein Generationenroman und – auch – ein Erinnerungsroman. Es geht um das Trauma von Opfern wie auch Tätern und die Fragen der Nachgeborenen, darum, wie Erinnerung in Schleifen arbeitet, im Erzählen und Nacherzählen. Mnemosyne, Göttin des Gedächtnisses, trägt die Lampe der Erinnerung und leuchtet auch dunklere Ecken aus. „Blutorangen“ ist eine Geschichte darüber, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht: „Geschichte liegt verborgen in Flözen, unter all den Lagen von Danachgelebtem, dem, was Generationen ablagerten, willentlich oder unabsichtlich. Abdrücke auf der frischesten Schicht tilgen die Spuren des Vorvergangenen. Man gräbt sich schließlich Lage um Lage in die Vergangenheit und deckt die Geschichten in der Geschichte auf. Manchmal ist der Untergrund widerständig, mit verpresster Erde und Gestein, die das Verborgene nicht leichtfertig freigeben.“ (Blutorangen, S. 199)

Der Roman hat im Feld der Memory Studies viel Aufmerksamkeit erhalten, weil er erstmals die Verwobenheit spanischer und deutscher Zeitgeschichte inszeniert und dabei geschichtliche Prozesse ebenso historisch genau wie literarisch innovativ darstellt – ein Stück “literarische Erinnerungsarbeit”.

Die Übersetzung ins Spanische erschien im Mai 2017 bei Plataforma Editorial, zeitgleich bei Bromera die katalanische Version.