Erschienen in allmende Zeitschrift für Literatur # 96 „Schweigen ist auch nur ein Wort“, Dezember 2015

 

Das schlimmste Verbrechen an einem Menschen und seinen unveräußerlichen Rechten ist das Verschwindenlassen. Einen Menschen zum Verschwinden zu zwingen, ihn nicht nur dem Leben, sondern den Lebenden für immer zu entziehen, reicht über den Tod hinaus. Oder, in den Worten des argentinischen Juristen, Historikers und Journalisten Eduardo Luis Duhalde: „Der Verschwundene ist nicht der Untote, sondern einer, dem das Sterben verwehrt wird.“ Solche desaparecidos sind in einem Niemandsland gefangen, das weder der Welt der Lebenden noch dem Reich der Toten zugehört. Zum verwehrten Sterben gehört als partner in crime immer auch das Schweigen, dunkle Schwester der Tat.

Spanien ist überzogen von anonymen Gräbern mit geschätzt bis zu 114.000 Toten, Opfer des spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) und der Diktatur von Francisco Franco (1939-1975). Das Erbe dieser Diktaturen sind „kontaminierte Landschaften“ (Martin Pollack): übersät, durchzogen, gespickt mit Abertausenden Toten. Was diese Gegenden vergiftet, sind nicht die Toten selbst. Es ist vielmehr der Umstand, dass sie kein würdevolles Grab haben. Es ist das bewusste Verbergen der Gräber, eine Camouflage, eine bisweilen gar gärtnerische Umgestaltung des Landes. So weit zur Topografie. Das Gift, das gesellschaftlich wirkt, ist die Verweigerung von Gedenken. Es ist die Anonymität der Opfer, denen über den Tod hinaus ihre Menschenwürde abgesprochen wird. Es ist das Schweigen über die Tat und über die Toten. Und so ist Schweigen mehr als nur ein Wort. Schweigen ist nicht neutral, passiv. Schweigen ist aktiv, es ist ein Wort mit einer abgründigen und dunklen, einer bösartigen Seite. Schweigen ist mehr als eine unterlassene Hilfeleistung. Schweigen ist Komplizenschaft.

Im Frieden des spanischen Diktators Franco, der nicht einmal als Abwesenheit von Krieg bezeichnet werden kann, war er doch eine Fortführung des Bürgerkriegs mit anderen Mitteln, wurden die Türen zur Erinnerung geschlossen. Man schwieg über die Taten, Trauer hatte keine Stimme und keinen Ort, Zeugen und Überlebende verstummten. So ging das dreißig Jahre, bis das kalte Herz des Diktators 1975 seinen Dienst einstellte. Zwei Jahre später gab es eine Generalamnestie, ein Jahr darauf eine neue Verfassung, man baute an der Demokratie und schwieg über die Vergangenheit, um in die Zukunft blicken zu können.

Das Schweigen ist ein Janus. Mit seinen zwei Gesichtern schaut er zugleich Vergangenheit und Zukunft. Janus, Gott der Anfänge und Übergänge, der Wächter über Tore und Türen, Passagen, Transitionen und Enden. Auch über jene von Krieg und Frieden. Die Türen zu seinem Tempel standen zu Kriegszeiten offen, geschlossen zeigten sie an: Frieden.

In Spanien feierte General Franco nach dem Bürgerkrieg nicht den Frieden, sondern den Tag des Sieges. Er breitete über das Land ein Terrorregime, in dem Tausende verschwanden und Abertausende in die stillen Schatten wichen. Und nach seinem Tod breitete man über diese Landschaften den Pakt des Schweigens. Nicht sagen können. Das Wort „können“ ist doppeldeutig: nicht sagen können oder nicht reden dürfen. Es hat ein Innen und ein Außen, eine Seite des Traumas und eine Seite der Zensur. Das Schweigen gehört zur Kontamination der Landschaft ebenso wie zum Trauma und zur Langzeitwirkung des Terrors, der jene, die berichten könnten, verängstigt und zermürbt. Die Stille kommt von innen heraus und ist zugleich von außen auferlegt, sie dreht sich als Spirale schier ins Unendliche, so dass die Sprachlosigkeit langlebiger ist als das Regime selbst.

In Spanien musste etwa die Zeit einer Generation vergehen: Ende der neunziger Jahre erst brachen die Kinder und Enkel des Krieges diesen Pakt, ein Vierteljahrhundert nach dem Tod Francos. Sie überwanden die Angst, sie begannen zu fragen und zu suchen. Und sie bergen bis heute die Toten, gegen alle Widerstände derer, die bestimmte Taten weiterhin verschwiegen wissen wollen, und manchmal auch jener, die immer noch nicht können, die immer noch Angst haben, vor dem Innen und vor dem Außen.

Ausnahmen gibt es. Aus all der Dunkelheit lässt sich eine Strahlkraft, finster leuchtend, entwickeln. Die katalanische Schriftstellerin Maria Barbal brach das Schweigen bereits 1984. In ihrem Roman Wie ein Stein im Geröll erzählt sie die Geschichte von Conxa, deren große Liebe Jaume sich einsetzt für die junge spanische Republik. Ihn lassen die Franquisten verschwinden. Conxa muss allein durchs Leben kommen und ihre Kinder durchbringen, Anfeindungen und Repressalien überstehen. Sie lebt fortan in diesem Dreieck Verbrechen – Schweigen – Landschaft. Die Landschaft um sie herum verändert sich durch das Erlebte. Es gibt ein toxisches Wissen um den Ort der Tat, den Ort der Toten. Es gibt Gerüchte, eine mündliche Überlieferung, der Ort ist bekannt und zugleich beschwiegen, denn weder Tat noch Tatort dürfen sein. Conxa hat noch nicht einmal einen Toten, dem sie die Augen schließen könnte, kein Grab, an das sie Blumen bringen könnte. Die Bosheit kriecht wie eine Schlange über den Boden, die verarmte Conxa und ihre Kinder gehen barfuß, leben auf nackten Füßen in einer Landschaft voller Schlangen. Die Bosheit verordnet ihnen Schuldgefühle und raubt ihnen die Sprache. Sie leben in Mauern aus Scham und Rechtfertigungen, mauern sich zugleich ein gegen die Traurigkeit. Conxa kann nicht darüber reden, im doppelten Sinne. Das ostentative Rauschen des Flusses begleitet diese unerträglich tönende Stille ebenso wie Conxas Suizidgedanken. Sie ist an jenem Morgen stehen geblieben, als sie sich zweifach, im janusköpfigen Sinne verloren: Sie hat nicht nur Jaume verloren, sie verlor mit ihm und mit der Sprache auch sich selbst, ihre Geschichte und ihre Zukunft. Conxa ist stumm, hart, erstarrt, und wie einen Stein reißt der Gang der Geschichte sie mit. Danach muss man weiterleben. Es gibt Tote ohne Namen und Trauer ohne Ort. Was gedeiht noch in einer Landschaft, die von Massengräbern übersät ist? Menschen richten sich ein mit dem, was bleibt, dem, was verloren, ist. Man wohnt, unbehaust, in Versionen der Geschichte, mit denen es sich aushalten lässt. Die Sprache bietet keine Heimat mehr. Es gibt lautstarke Gewinner, offizielle Wahrheiten und Lügen, die so lange wiederholt werden, bis sie Fakten sind. Es gibt Verlierer, die, vielleicht, hinter verschlossenen Türen und abgedichteten Fensterritzen flüsternd ihre Geschichte erzählen. Schweigen oder Nichtsagenkönnen – das Ende ist Stille.

Maria Barbal bearbeitet gut zwanzig Jahre später in Inneres Land (2005) das Schweigen noch einmal. Der Roman besteht in der schwierigen und letztlich nicht erlösenden Befragung einer Mutter, deren Schicksal dem Conxas gleicht, durch ihre erwachsene Tochter. Der zweite Satz des Werks beginnt so: „Jede Familie hat ihre eigene Art zu reden und zu schweigen…“ – und endet mit der großen Verunsicherung der Nachgeborenen, die in einem Universum des Nichtgesagten nie die Orientierung gewinnen kann: „…doch wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, was du von mir erwartet hast.“ Das Buch durchdringt ein permanentes, schwebendes Gefühl der Verunsicherung ob einer verspürten Unzulänglichkeit, die sich stets an Kleinigkeiten festzumachen scheint, aber natürlich viel größer ist und eigentlich nichts mit der eigenen Person zu tun hat. Es gibt eine verhohlene, niemals ausgesprochene Scham. Man erzählt nicht – kann nicht–, und so muss sich das Kind alles zusammenreimen, Rita, ein Kind, das selten beim Namen genannt wird. Es ist eine Mutter-Tochter-Beziehung in Mutmaßungen, die auf einen zentralen Verdacht hinausläuft: ob die Mutter erwartet hat, dass die Tochter ihre Wunden heile. Dieses Kind bewegt sich in einem verminten Gelände, sie ist den unverstehbaren Reaktionen ihrer psychotischen, verletzenden und tief traumatisierten Mutter ausgesetzt, ohne auf emotionalem Wege oder über die Sprache Zugang zu erhalten. Die inneren Landschaften jener, die sich von ihren Empfindungen entfremden, sind voller Minenfelder und blinder Flecken; Landschaften, die sich selbst zum Feind werden. Diese unwirtlichen Gelände, dieses unbereiste innere Land ist das Nichtredenkönnen der Mutter, die keine Worte hat, um zu erzählen, wie es wirklich war.

Ist „wie es wirklich war“, sind die schlimmsten Verbrechen tatsächlich vorstellbar? Handelt es sich um eine Prüfung der Vorstellungskraft, ein Ausloten ihres Vermögens, zumal für uns Nachgeborene und nicht Betroffene, die wir die Angst nicht mehr eingeatmet haben? Ist es nur eine Frage des Ausdrucks – oder nicht vielmehr des Eindrucks? Wo sind die Grenzen der Worte, und: kann man der Sprache trauen? Jorge Semprun dokumentiert in Schreiben oder Leben seine Zweifel an der Möglichkeit des Erzählens, nicht weil die

Sprache es nicht hergäbe: „Man kann immer alles sagen, die Sprache enthält alles. (…) Man kann das Böse benennen, seinen Mohngeschmack, sein verderbliches Glück. (…) Man kann die Zukunft sagen, die Dichter wagen sich mit geschlossenen Augen dorthin, mit fruchtbarem Mund.“ Die Grenzen der Sprache sind nicht das Problem, sondern das Unvermögen, die Unmöglichkeit seitens der Empfänger: „Aber kann man auch alles hören, sich alles vorstellen? Wird man es können? Werden sie die Geduld, die Leidenschaft, das Mitgefühl und die Strenge aufbringen, die dazu nötig sind?“

Die Wahrheit braucht immer ein Gegenüber. Jemand, der wissen will, denn sonst verhallt das, was zu sagen wäre, ungehört. Es braucht die nicht Betroffenen: eine Generation ohne Trauma, ohne Scheu, ohne Angst – in Spanien im wahrsten Sinne des Wortes: ohne Berührungsangst. Dort ist eine Generation herangewachsen, die diese Geduld und Leidenschaft, Mitgefühl und Strenge aufbringen. Sie sammeln die Geschichten. Sie brechen das Schweigen. Sie arbeiten gegen die Zeit, denn Zeitzeugen sterben aus, und so dräut eine noch viel endgültigere Stille. Hier geht es um ein forensisches Vordringen in die Geschichte, um das archäologische Durchdringen des Schweigens. Zivilgesellschaftliche Gruppen suchen, exhumieren und bergen die Toten der Franco-Diktatur seit ungefähr fünfzehn Jahren. Sie identifizieren die Gebeine und geben sie den Angehörigen zurück, damit diese sie bestatten können. Und damit hat der Janus den Kopf gewendet. In den siebziger und achtziger Jahren bestimmte die Entschlossenheit, aus dem Schweigen heraus – das Schweigen der Amnestie, des Schlussstrichs, auch das Schweigen der andauernden Angst – den Blick in die Zukunft zu richten. Dreißig Jahre später hat sich die Zeitperspektive umgekehrt, der Blick geht in die Vergangenheit und das Schweigen ist gebrochen. Nur aus dem Reden über Geschehenes ist die Zukunft zu gestalten, der Boden zu bestellen und der Gesellschaft wieder ein Grund zu geben, im Sinne des Wortes. Auch hier verändert das Wissen um die Verbrechen den Blick auf die Landschaft. Ein Baum, ein Feld – wie viele Personen mögen dort liegen? Manchmal, nicht immer, kann das Land Antworten bieten und Wahrheiten preisgeben, die nicht in Worte zu fassen sind. Die Exhumierungen gleichen einem Reinigungsritual. Die Lebenden brauchen Gewissheit über die Toten, um mit ihrer eigenen Geschichte und jener der Familie ins Reine zu kommen. Ein schmerzlicher, psychisch fordernder Prozess, aber letztlich auch ein kathartisches Erlebnis, in dessen Verlauf die Nachfahren ihre Wahrheit neu zusammensetzen, Geheimnisse, Konflikte und Verletzungen ans Licht holen. Sie haben ein Leben lang mit der Lüge, der falschen Wahrheit gelebt, mit dem giftigen Schweigen. Nun setzen sie der Kontamination etwas entgegen, im Wortsinne „von unten“, und machen sich an die mühsame Aufgabe, ein ganzes Land zu entgiften.

Alles, was ist, ist sofort Geschichte. Alles, was noch fortwirkt, ist schon vorbei. Die Gegenwart gibt es nicht. Es gibt nur Vergangenheit. Und Zukunft. Wie Astronomen eine Energie einfangen, die vor Millionen Jahren ausgesandt wurde und heute bei uns ankommt, wirkt auch die Energie der jüngeren Geschichte bis heute fort – finster leuchtend. Zum Verstehen gehört das Schweigenbrechen. Zum Verständnis gehört auch, dass sich Inschriften ändern, dass nicht mehr vom Sterben für die Freiheit, sondern von Mord und Erschießung geredet wird. Vierzig Jahre nach Francos Tod überwinden die Betroffenen ihre Angst, die Dinge beim Namen zu nennen. So führt jede Exhumierung nicht nur in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft zugleich, weil die Menschen am Rande der Grube zu erzählen beginnen, sie erzählen von ihren Erlebnissen und führen damit zum nächsten anonymen Grab, heben den fragilen Moment der Gegenwart auf. Daher auch die Antwort auf die Frage, die in Wie ein Stein im Geröll, doch nicht nur dort, gestellt wird: wozu sollen solche Geschichten heute noch gut sein?

Die Exhumierungen brechen die eiserne Verbindungen zwischen Verbrechen, Schweigen und kontaminierter Landschaft auf. Sie weisen über die Zerbrechlichkeit der Gegenwart hinaus in die Zukunft. Sie stemmen sich gegen die Kultur des Vergessens, gegen Zensur und Selbstzensur, und gegen die Euphemismen einer neuen Sprache, einer Sprache des Verdrängens und Zudeckens, einer Sprache des Schweigens. Sie erfüllen eine ethische Pflicht, Erinnerung zu bewahren und zu erneuern. Die Leute konfrontieren sich mit ihren Verletzungen, auf gesellschaftlicher Ebene mit den „Schmerzpunkte des 20. Jahrhunderts“ (Katja Petrowskaja). Es gibt kein Schweigen. Die Landschaft redet, die Erde schreit – die Frage ist nur, ob wir zuhören und uns von dem, was tönt, zum Handeln bewegen lassen. Ein giftiges Erbe arbeitet in einer Gesellschaft immer weiter. Vergessen ist unmöglich, die Erinnerung dagegen verortet uns im Universum. Wer sich erinnert, ist fähig, in jener Gegenwart zu leben, die stets schon vorbei ist, im Gegensatz zu jenen anderen ohne Erinnerung, die nirgends ihren Ort finden.

 

* Der Text bezieht sich immer wieder auf das Gedicht „Es gibt kein Schweigen“ von Jürg Halter. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Entnommen dem Gedichtband „Wir fürchten das Ende der Musik“, Wallstein Verlag 2014.