„Er blättert in seinem Notizbuch vor und zurück, seine Fingerspitze gleitet über die Figuren seiner Eltern, sein Vater im überfüllten Zug Anfang der Sechziger, seine sehr junge Mutter inmitten anderer Frauen an den Werkbänken der Uhrenfabrik. Das erste Kind, da war Sofia gerade einmal zwanzig, die Chance, ein eigenes Lokal zu eröffnen, allerdings in Hintertupfingen, Loredana mit einer deutschen Schultüte, Patrizio selbst mit auf dem Bild als Säugling in Sofias Armen, die nie eingestandene Tatsache, dass sie so schnell nicht nach Italien zurückkehren würden.“

 

Für Patrizio, Hannas Jugendfreund, ist ihre Rückkehr ins Dorf eine willkommene Gelegenheit, einen Gang rauszunehmen. Er verbringt wieder Zeit auf dem Kirchberg, den er doch nie als seine Herkunft empfunden hatte und wo er dennoch, selbst als Gastarbeiterkind, zugehöriger war als Hanna. Die Besuche in ihrem Haus werden auch für ihn zu einer Reise in die Vergangenheit, und er beginnt, die Geschichte seiner Familie als Graphic Novel zu zeichnen…

 

„Patrizio hat handschriftlich etwas auf den Rand des Blattes gekritzelt. Sie legt ihren Zeigefinger darauf und stupst ihn an. Fragend blickt Patrizio zu ihr auf, sie tippt mit der Fingerspitze auf die Worte. Patrizio sagt aus dem Gedächtnis auf: Der Maler verfügt nur über einen Augenblick und darf daher ebenso wenig zwei Augenblicke gestalten wie zwei Handlungen. Denis Diderot. Irrtum. Patrizio Bracaglia. Bracaglia grinst sie an. Sie lässt die Worte wirken und betrachtet all die Raketendoppelgänger. Sie blickt Patrizio über die Schulter, er zeichnet an einem großen Raum, in dem am linken Bildrand die kleinen, münzbetriebenen Kochstellen der sich drängenden Gastarbeiter zu sehen sind. Diese rudimentäre Küche geht über in eine Arbeitsplatte aus Marmor, die an einen Holzofen stößt, in den Patrizios Vater gerade Pizzen einschießt. Der Blick wandert weiter, im Vordergrund steht ein Tisch, halb Restaurant, halb Privatwohnung, sie selbst sitzt daran. Am rechten Rand schließt die Dachschräge der verwinkelten Küche hier im Haus den Raum ab, Patrizio steht am Herd und lässt Spaghetti aus der Faust ins sprudelnde Wasser gleiten.”

 

Sonderausstellung zu 60 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland–Italien im Virtuellen Migrationsmuseum „Lebenswege“

 

Zeichnungen (c) Axenia Schäfer, Chefredakteurin des großartigen Selbstversorgermagazins QUICUMQUE