Während Jessie die vier Stockwerke hinaufsteigt, ist da plötzlich die Frage, wie sie Hanna überhaupt nach Hause bringen soll. Im Flur steht sie und weiß nichts mit sich anzufangen. Sie geht aufs Klo, obwohl sie im Krankenhaus gerade erst noch war. Sie schiebt die Notizbücher auf ihrem Schreibtisch hin und her. Öffnet Schrankfächer und schließt sie wieder. Sie hat Hunger, aber keinen Nerv zu kochen. Sie geht duschen und wäscht sich den Kliniktag aus den Haaren.

In der Küche geht Jessie an Hannas Schrankfach, als könne sie ihr so näher sein. Ayurvedische Tees und eine ganze Batterie von Fertigsuppen. Wein aus der Toskana und Schnaps aus der Heimat. Jessie wirft einen angeschimmelten Kanten Brot in den Müll. Sie zieht die Alufolie von einem der Plastikbecher mit Trockensuppe. Während sie die Nudeln quellen lässt, die Finger über die warme Folie gelegt, denkt sie, dass Hanna das im Moment nicht könnte, eine Folie abziehen. Vielleich überhaupt nie mehr. Und wie das wohl ist, von einem Tag auf den anderen ohne Sprache zu sein.

Jessie hat den ganzen Tag mit Hanna im Krankenhaus verbracht, sie hat mit den Ärzten und der Ergotherapeutin und dem Logopäden gesprochen, sie hat einen Kopf voller Information und doch nicht alles kapiert. Hanna, die Checkerin, die Verträge lesen kann und auf gemeinsamen Reisen die Logistik übernimmt, Hanna lag im Bett mit ihrem gepflasterten Kopf, die Augen hielt sie geschlossen und verließ sich darauf, dass sie, Jessie, alles verstehen und sich um alles kümmern würde. Etwas ist schiefgegangen bei der OP, der Sprachverlust ist nicht psychologisch bedingt, so weit sind sie schon mal. Das hätte sie ihnen auch sagen können. Auch wenn sie die Angewohnheit hat, sich bei Problemen ins Schweigen zurückzuziehen, Hanna ist keine Hysterische. Sie haben Hanna in ihrem Innersten herumgefingert und haben es verbockt, denkt sie und weiß doch, was Schicksal ist. Hanna hat eigentlich in letzter Zeit schon genug Schicksal gehabt, das hätte auf Jahre hin gereicht. Hanna ohne Worte. Allein der Geruch der Fertigsuppe schlägt Jessie auf den Magen, sie stellt den vollen Becher ins Spülbecken.

In ihrem Zimmer ruft sie Wikipedia auf. Aphasie ist eine erworbene Störung der Sprache aufgrund einer Schädigung in der dominanten, meist der linken, Hemisphäre des Gehirns. Die Ursache kann unter anderem ein Schlaganfall sein. Beeinträchtigungen beim Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen. Wo also nicht, fragt sich Jessie, und außerdem dazuhin auch in nichtsprachlichen Bereichen. Jessie findet den deutschen Eintrag verschwurbelt und wechselt zum englischen, markiert mit der Maus spontan einen Satz: Die Intelligenz ist jedoch nicht betroffen. Und noch einen: Feststehende Ausdrücke in der Alltagskommunikation funktionieren häufig noch. Aphasie bezieht sich nicht auf motorische Ausfälle, sondern auf die Sprachfähigkeit, jene sozialen Regeln der Kommunikation ebenso wie die Gedankenketten, die im Hintergrund der verbalen Sprache ablaufen. Aphasie ist eine Kombination verschiedener Ausfallerscheinungen, also ein bunter Strauß von Problemen, jeder Patient sein eigener Florist, jede Erkrankung eine höchst individuelle Mischung von Stärken und Schwächen. Manche quasseln daher, ohne sinnvolle Sätze zu produzieren, andere können keine Sätze mehr formen oder nur unter großen Anstrengungen, und das scheint Hanna getroffen zu haben.

Jessie zieht sich ein Blatt Papier heran und notiert, was sie morgen im Krankenhaus erfragen muss. Haben sie auch die Stimmbänder untersucht. Kann es nicht vielleicht daran liegen. Sie liest weiter, zwei Hirnregionen, die betroffen sein können, benannt nach den Herren Broca und Wernicke. Wernicke sind die sinnbefreiten Vielsprecher, Jessie ist schnell klar, dass Broca ihr Mann sein muss. Gebremste, angestrengte, fragmentierte Rede, jedoch relativ gut erhaltenes Verstehen. Es passt auch zu Hannas halbseitigen Lähmungen rechts. Jessie überfliegt den Artikel, pickt sich die guten Nachrichten heraus, informiert sich über Verhaltensweisen und Therapieansätze, fügt Frage an Frage auf ihrem Notizzettel. Betroffene können in der Lage sein, unter großer Anstrengung kurze Sätze hervorzubringen, die Sinn ergeben, dabei verzichten sie aber oft auf die Artikel oder Bindewörter und darauf, das Verb zu beugen. Ich Tarzan. Es leuchtet ihr ein, dass die Patienten sichtlich frustriert sein können und zu Depressionen neigen. Es gebe in Deutschland zu wenig Therapiestunden, Jessie schreibt To Dos auf und wappnet sich schon mal, wer sonst soll das für Hanna durchfechten. Körperliche Aktivität wäre gut, Singen, Sprechübungen. Jessie notiert in einer Ecke ihres Blattes, wen sie alles anrufen muss, Hannas Prof und ihre Mutter, das Frauenhaus, ein paar Freunde, Till muss das wissen. Eine Reha, damit auch nur einige Grundfähigkeiten der Sprache zurückkehren, kann zwei Jahre oder länger dauern, Jessie kommen die Tränen, und sie klappt den Laptop abrupt zu.

Sie muss unbedingt endlich etwas essen. Mit einer Banane in der Hand geht sie durch die Wohnung. Kann Hanna überhaupt hier wohnen bleiben? Aber wo sollte sie sonst hin? Ist sie jetzt ein Pflegefall? Kann sie noch allein duschen? Müssen sie einen Pflegedienst kommen lassen? Braucht es jetzt einen Handlauf im Flur? Will man überhaupt noch in einen Handlauf investieren, überhaupt noch eine müde Mark in diese Wohnung stecken, aus der Piet sie doch raushaben will. Gibt es einen Kündigungsschutz für Behinderte und deren beste Freundinnen? Jahrelang wohnen sie nun schon zusammen, erst in einer großen WG, dann lebten sie eine Weile getrennt, schließlich sind sie gemeinsam hier eingezogen, eigentlich in der Hoffnung, dass sie die Wohnung von Piet übernehmen und alle drei Zimmer bewohnen könnten. Hier eingezogen, nachdem ihre Hochzeit geplatzt war, nachdem sie abserviert worden war, eine knappe Woche vor dem ach-so-schönsten Tag im Leben. Hanna kam drei Tage früher als geplant aus New York angeflogen, brachte zwei Flaschen Whisky aus dem Duty Free mit, und sie flüchteten sich eine Woche an die Ostsee. Hanna hätte Trauzeugin sein sollen, stattdessen las sie ihr vor, einen englischen Roman und italienische Gedichte, die sie in einem abgegriffenen Notizbuch bei sich trug. Eine Woche lang gingen sie jeden Abend ins Kino. Sie redeten nicht viel. Hanna kochte, die einfachen Gerichte, die sie beherrschte, Spaghetti mit Tomatensoße, Kartoffeln mit Spiegelei und Spinat, Tütensuppen. Jessie musste noch ein paar Monate mit Zwischenmieten überbrücken, und als Hanna aus New York zurückkam, fanden sie diese Dreier-WG.

Jetzt wärmt Jessie sich doch die Suppe in einem kleinen Topf noch einmal auf. Mit dem Teller kehrt sie zurück an ihren Schreibtisch und liest weiter. Alter und Gesundheitszustand seien ein entscheidender Faktor für eine Verbesserung, ebenso wie die Motivation. Jessie löffelt und liest schnell darüber hinweg, schluckt ihre Zweifel bezüglich Hannas körperlicher, mentaler und seelischer Verfassung runter. Sie klickt und klickt. Erste Forschungsergebnisse legen nahe, dass später gelernte Fremdsprachen nicht so stark betroffen sein könnten wie die Muttersprache. Das ist doch mal ein Silberstreif. Notfalls lernt sie Italienisch, um sich mit Hanna unterhalten zu können. Jessie klickt auf Drucken.

Die Wohnungstüre geht. Piet kommt nach Hause. Jessie fühlt sich einsam. Sie möchte sich in den Armen von irgendjemandem einrollen können und überlegt, ob sie Phillipp anrufen soll. Gegenüber Hanna fühlte sie, die doch schreiben wollte, sich immer unzulänglich, aber das machte nichts. Hanna dagegen hatte für sie eine kindliche Bewunderung, dafür, wie sie durchs Leben kam, für ihre Begabung zum Glück, wie sie sagte, und in der Tat, Jessie würde das für kein Scheibchen von Hannas Intellekt eintauschen. Wie soll sie jemals wieder arbeiten, in ihrem Beruf oder in irgendetwas sonst? Was macht so jemand noch? Wie wäre das, auf immer und ewig wortlos zu sein? Sie geht ins Bad, um sich das Gesicht zu waschen, und als sie durch den Flur in ihr Zimmer zurückkehrt, hört sie aus der Küche den Ruf, Topf abspülen! Sie starrt wortlos in den Lichtschein, der aus der Türe fällt, wortlos geht sie zurück in ihr Zimmer. Mit diesem Hanswurst nie wieder reden zu müssen, wäre der einzig denkbare Vorteil, den Aphasie jemals bieten könnte.