Durchs offene Fenster dringen die Schläge zur vollen Stunde. Zur Wandlung wird eine andere Glocke geläutet, die leibhaftiger dröhnt. Mein Künstlerhäuschen liegt gleich hinter der Basilika Saint-Seurin. Das Viertel ist gediegen, bürgerliche Häuser mit zumeist nur zwei Stockwerken säumen ein paar Boulevards und ansonsten einspurige Sträßchen, die appetitlichen Gärten hinten raus muss man sich dazugooglen. Grün ist es nur auf dem Kirchplatz. Ein paar Feinkostzipps und Le P’tit Bar sind gleich ums Eck, für den Supermarkt und den Bioladen muss ich schon so weit laufen, dass ein Dörfler das Auto nehmen würde. Ich habe mir den p’tit Tisch in der Küche ans Fenster gerückt und schaue auf einen kleinen, absolut unspektakulären und deshalb auch namenlosen Platz mit Fahrradständern, einem Klamottencontainer und ein paar geparkten Scootern. Drei davon haben ihren Stammstellplatz, den ihnen jeweils kein anderer streitig macht: eine Vespa wird immer mit dem Hintern an ein Straßenschild angedockt, ihr Besitzer ist ein Lockenkopf in meinem Alter und wie ich meine derjenige, der fast immer um halb sieben morgens vor meinem offenen Fenster startet (leider fast immer mit Anlassproblemen); eine blassmintmetallicfarbene steht an einem der Fahrradständer, allerdings seit Tagen ganz traurig ohne Vorderrad; und der dickste Roller in blau parkt immer freistehend quer dazu, sein Halter guckt sehr ernst, was an der jeden Tag ein wenig anders, aber immer großflächig verteilten Hundescheiße auf dem Platzerl liegen mag. Vor meiner Tür, gerade außerhalb des Bildrahmens meines Küchenfensters liegt eine Schule, sodass ich Kinder, Eltern, Lehrer zu Gesicht bekomme, ansonsten ist es ja eher etwas abgeschieden in meiner Klause. Wenn nicht gerade Immobilienfuzzis oder die Zeugen Jehovas klingeln. Ich war noch gar nicht richtig angekommen, am ersten Tag, schlief aber testhalber schon mal eine Siesta. Überrumpelt und entsprechend handzahm ließ ich mir das Bibelvideo auf dem Tablet vorspielen und eine Broschüre mit dem passenden Titel Réveillez-vous! in die Hand drücken.

 

Alle Tage führt mich mein Weg in die Stadt einige Hundert Meter auf dem Jakobsweg an der Basilika vorbei. Heute ist Saint Seurin ein städtisches Wohnviertel, damals eine Art exterritoriale heilige Stätte auf grüner Wiese. Jakobspilger, die aus dem Nordwesten kamen, fanden diese Kirche und Pilgerstätte vor den Toren der Stadt, aus der Ebene aufragend wie die ersten Palmen einer Oase, sahen sie schon kilometerweit vor sich, so wie heute vielleicht noch Eunate in Spanien. Die Wirkung muss magnetisch und energetisierend gewesen sein.

Bordeaux Saint Seurin - 1Gleich am ersten Nachmittag (dann ja wieder wach, energetisiert, wenn auch vielleicht nicht erweckt) war ich vor der Basilika an einer Messingtafel im Boden stehen geblieben, weil ich vor allem stehen bleibe, das mir Buchstaben anbietet. Ein junger Kerl, auf den ersten, einzigen, schnellen Blick mit nordafrikanischem Einschlag, kam mir entgegengerannt, er lachte strahlend und rief mir zu, Madame, c’est moi, c’est moi, je suis de retour!, und war auch schon wieder weg. Ich verstand erst gar nichts, dann lachte ich zurück, ihm hinterher, woher denn zurück? und wer überhaupt?, dann staunte ich, weil ich einen jungen Kerl (Vorurteil, Vorurteil) nicht im Verdacht gehabt hätte, sich die Inhalte von Messingplatten auf Fußwegen durchzulesen und einzuprägen, die besagen:

Unter unseren Schritten befindet sich eine weite Totenstadt, von der die Legende besagt, dass sie von Christus geweiht worden sein soll. Hier legte Karl der Große 778, auf seiner Rückkehr aus Spanien nach der Niederlage bei Roncesvalles, den Olifanten von Roland nieder, bevor er der legendäre Compostela-Pilger des Westens wurde. In dieser von Weinbergen umgebenen Landschaft erzählen Spielleute und Pilger das Rolandslied, die Geschichten der Heiligen, die Wunder des Jakobus.

Am Pyrenäenübergang von Roncesvalles mussten Karls Männer in langer, schmaler Reihe durch eine enge Passage marschieren. In einer hohlen Gasse kann David gegen Goliath gewinnen, das wussten auch schon die Basken und rächten sich für die Zerstörung Pamplonas. Angeblich sollen die Franken bis auf den letzten Mann niedergemacht worden sein. Dieser letzte Mann, Charly the Great, begrub auf der Rückreise nicht nur die Herzen einiger seiner wackeren Kämpfer, sondern auch das legendäre Horn von Roland hier in Bordeaux. Die Legenden sind nicht alle deckungsgleich; eine andere besagt, er habe das Horn auf dem Altar von Saint Seurin niedergelegt. (Ach so: Noch ein Horn von Roland, ebenso wie dieses hier natürlich das Horn von Roland, the one and only, ist in der Kathedrale von Santiago de Compostela ausgestellt. Hm.)

 

Aber da sind wir ja schon im achten Jahrhundert. Der historische Schichtkuchen an diesem Ort hat tiefere Lagen. Die ältesten Zeugnisse der Stadt Bordeaux liegen hier, außerhalb der alten Mauern und des heutigen Zentrums, und mein Häuschen steht genau zwischen ihnen: die Reste eines römischen Amphitheaters und eben die archäologischen Funde von Saint-Seurin. Die Nekropolis. Von Christus höchstselbst geweiht. Kann jetzt jeder selber rechnen. In den Sommermonaten, ozeanisches Wetter hin oder her, ist der Zugang zur archäologischen Grabungsstätte geöffnet und man kann in die Totenstadt hinabsteigen. Ein sehr, sehr alter christlicher Friedhof, der über vierzehn Jahrhunderte in Betrieb war, über dem dann die Basilika errichtet wurde, was an manchen Stellen augenfällig wird, wo Erd-, Gesteins- und Mauerschichten scheinbar organisch ineinandergreifen und einen Sarkophag einfach umwachsen haben. Sie begruben ihre Toten in Särgen aus Kalkstein und Marmor, unter Dachziegeln, setzten ihre verstorbenen Kinder in Amphoren bei, deren Enden wieder gekittet oder sorgsam mit einer dünnen Steinplatte verschlossen wurden. An einer Seitenwand sind die letzten blassen Reste von Fresken zu sehen aus dem vierten oder fünften Jahrhundert, eine Wasserwelt, Unterwasserwelt … Nymphen, Enten, Seepferde … ich denke an die Schwimmer in der Wüste.

 

Es soll auf dem Wasserweg gewesen sein, wie ein ordentlicher Pilger, wie der heilige tote Santiago selbst, dass im fünften Jahrhundert diese schillernde und zugleich mysteriöse Gestalt des fernen Ostens hier auftauchte, Saint Seurin. Gott gab dem amtierenden Bischof Amand im Traum ein, für diesen Angeschwemmten auf sein Amt zu verzichten, er legte es für ein Jahrzehnt nieder und übernahm es erst nach dessen Tod im Jahr 420 wieder. Die Bordelais machten Seurin zu ihrem Stadtpatron, sein Sarkophag ist heute unter dem Altar der Basilika eingekastelt, diese Kirche, die im sechsten Jahrhundert begründet wurde und an der über die Jahrhunderte vieles an- und manches auch wieder abgebaut wurde. Die romanische Kirche mit ihrer Krypta stammt aus dem elften Jahrhundert, sie wurde bald zu einer festen Etappe auf der beginnenden Jakobspilgerschaft. Der heilige Jakob, mit seinem Pilgerstab und dem muschelbestickten Jutebeutel über der Schulter, steht still und versonnen, leicht abgewandt rechts vom südlichen Seitenportal, das original und prächtig ist und von einem Renaissance-Portikus schützend überwölbt. Die Gläser in den Türen sehen mir nach Jugendstil aus, Bischofsstuhl aus Stein und Chorgestühl aus Holz gotisch, die Orgel barock voll properer Engelchen und muskelbepackter, ausgesprochen ansehnlicher Karyatiden. Die Mauersteine glatt oder unbehauen, verputzt oder nackt, erst kürzlich gesäubert oder schon seit Ewigkeiten dunkel verfärbt, schlechte Stellen kurzerhand mit Beton verschlimmbessert, Bilder scheinen dort zu hängen, wo sich halt ein Nagel anbot. Die ganze große Kirche ein architekturgeschichtliches Eintopfgericht. Wie Eintöpfe das so an sich haben: nicht gerade glanzvoll, aber wohlig nahrhaft.

 

Einer, der hier zu Tische saß (aber vielleicht eher seinen Skeptizismus nährte), war im achtzehnten Jahrhundert Montesquieu, sein Bruder Joseph war Dekan von Saint-Seurin. In dessen Haus jenseits des Kirchplatzes ging er ein und aus, woran eine Tafel erinnert, ebenso im Salon einer gewissen Madame Duplessy in der Rue Saint-Seurin. Hundert Jahre später wohnte ein paar Häuser weiter Goya, afrancesado, francophiler Liberaler, der als alter Mann nach der Restauration der Monarchie in Spanien noch ins Exil, sein famoses Haus bei Madrid verlassen musste, La Quinta del Sordo, voll mit seinen geheimnisvollen Wandgemälden. Er zog nach Bordeaux, trank mit anderen spanischen Exilanten dicke spanische Schokolade und verstarb auch hier, 1828. Da müssen die Arbeiten für das neo-romanische Westportal von Saint-Seurin gerade in Gang gewesen sein, aber das wird er nicht mehr mitbekommen haben, denn da wohnte er schon nicht mehr hier, sondern prachtvoller, am „Goldenen Dreieck“, im dritten Stock des stattlichen Hauses, das heute das Instituto Cervantes beherbergt. Während der vier kurzen Jahre in Bordeaux zog Goya häufig um, doch es soll in jenem eher bescheidenen Haus Nummer 46 an der Place des Martyrs de la Résistance gewesen sein, damals hieß der Platz hauchzart Allées Damour, mit Blick auf Saint-Seurin, wo er eines seiner letzten großen Bilder malte, La Lechera de Burdeos, eine melancholische, schon müde gewordene junge Frau, das Milchmädchen. Das heutige Haus hat mit dem damaligen nicht mehr viel gemein, man sieht oben einen Giebel aus Zinkbleck mit viel Glas, die Fassade ist vernarbt, weil ihr die alten Schmucksteine über den Fenstern heruntergerissen wurden. Der Himmel, der sich in den Scheiben spiegelt.

 

Bordeaux Saint Seurin - 3Auf dem Platz passieren die heutigen Santiagopilger das Denkmal für die modernen Märtyrer der Résistance von Tunesien, Italien, Frankreich, Deutschland, doch das schönste Bild für die Gleichzeitigkeit der Zeiten spielt sich an der Kirchenmauer ab. Im Kirchhof gibt es einen Spielplatz, Bänke unter Bäumen, einen Nachbarschaftsgarten, die Kapuzinerkresse blüht gelb. Die zeitgenössischen Beete stehen neben den alten Sarkophagen. Zweitausend Jahre. Und die zwei Kirschen auf dem Sahnehäubchen des historischen Schichtkuchens, knallrot wie der Klatschmohn in den Beeten, sind die beiden Kids, die statt im Sandkasten in den Steinkisten spielen. DSC_3946Der pummeligere der beiden hat sich just die größere Kiste auserkoren, doch er schafft’s. Rein. Und auch wieder raus.