Unser Aufenthalt in Arcachon beginnt mit Austern in der Cabane de l’Aguillon, in einer abgelegenen Ecke ganz am äußeren Rand von Arcachon, dem alten Fischerviertel, ganz am Ende einer langen Straße, wohin wir ohne den herzlichen Rat unserer Vermieterin und ohne deren Fahrräder niemals gefahren wären. Ihre Wegbeschreibung war eindeutig: nicht aufgeben, stur immer weiter fahren durch einen Kreisverkehr nach dem anderen und dann, kurz bevor man ins Wasser rollen würde, an einer bodenständigen, ortstypischen und wenig touristischen Austernbar abspringen.

Herzlich-rustikales Personal, sie sind sonnig wie dieser erste richtige Sommertag meines Aufenthaltes, diese oestriculteursrestaurateurs, unkompliziert, bodenständig. Einfachheit und Luxus – es ist wie beim Wein: wer ganz nah an der Luxusproduktion dran ist, hat mit dem Luxus rund ums Produkt wenig am Hut, am Ende zahlen wir kaum mehr als in der Creperie am Abend zuvor in Bordeaux. Hier wird die Huître Arcachonnaise produziert, die Pazifische Felsenauster, hauptsächlich Setzlinge für den Export nach Nordfrankreich und Irland, die (kein Scherz) „Saataustern“ genannt werden. Auf Tischgestellen liegen die, die nicht anderswo ausgesät werden, bei Flut im Wasser, bei Ebbe auf dem Trockenen. Gelegentlich werden sie geschüttelt und gerührt. Von Algen befreit. Diese stete Pflege macht sie hübsch, was für den Schlürf-Verkauf wichtig ist. Vor dem Versand werden sie, die an den steten Rhythmus der Tiden gewohnt sind, in unregelmäßig gefluteten Becken richtiggehend umtrainiert, damit sie sich nicht zur gewohnten Stunde im Paket öffnen. Wir bekommen Austern auf einem Bett aus Tang und Eis. Der Geschmack des Meeres, Salz, Zitrone. Brot und Butter. Trockener Weißwein. Sonne, in Fetzen, durch das Weinlaub über der Terrasse. Forsche Spatzen. Der Blick über die stille Bucht, in der die Boote auf Grund gegangen sind. Peace on Earth, zumindest hier und jetzt gerade.

Am nächsten Tag senken wir den Durchschnitt von Alter und Hüftumfang im P’tit Train, der durch die Ville d’Hiver tuckert (noch eine wertvolle Empfehlung unserer Vermieterin). Arcachon entstand mit der Bahnlinie von Bordeaux in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, auf kaiserliches Dekret. Zuerst die Sommerstadt, Ville d’Été, das ist einfach: Bahnlinie aus der Stadt, schöne Landschaft und schönes Wetter (meistens … c’est quand-même le climat océanique!), Wasser, Strand, Promenade, Austern => Sommertourismus. Arcachon bietet die große Schönheit seiner Umgebung und darüber hinaus auf den ersten Blick das Übliche: überteuerte Restaurants und überteuerte Boutiquen. Gemächliche Spaziergänger auf den Radwegen und gemächliche Radfahrer auf den Radwegen. Für etwas Aufregung sorgen möglicherweise gelegentlich die sich weit in den Radweg lehnenden Stämme der Kiefern. Das obligatorische hübsche Vintage-Karussell, wie es hier allerorten eines gibt, dieses hier ein kunstgeschichtlich bewandertes. Unten dreht ein latent desorientiertes Kind seine Runden auf einem viel zu großen Pferd (Pferde sind eigentlich immer viel zu groß, dachte ich, erwachsen, auf einem echten), oben drehen sich Vignetten mit van Gogh, Manet, Diderot, Degas. Angler, Ausflügler, Alte auf der Jetée (und auf einmal verstehe ich, woher das englisch Jetty kommen muss). Blau-weiße Kabinen, weiß die Laternen, blau das Wasser der Bucht, blau-weiß meliert der Himmel. So weit so schön so bekannt.

Arcachon - 4Viel spannender die Winterstadt, genialer Marketing-Coup der Gebrüder Pereire, zweier Industrieller aus Bordeaux. Um die Entwicklung Arcachons voranzutreiben und den Ort während aller Jahreszeiten attraktiv zu machen (eventuell spielten auch weniger altruistische Motive eine Rolle), schufen sie oberhalb der Ville d’Été die Ville d’Hiver. Hundert Miet-Chalets im Schweizer Stil, alle von der Grundstruktur her gleich: unten, teils in den Berg hineingebaut, die Bäder für Kur-Behandlungen; darüber Gesellschaftsräume; oben die Master Bedrooms, bis zu fünf davon. Eine offene Sanatoriums-Stadt, in der sich die oberen Zehntausend ihre Tuberkulose behandeln lassen konnten, ohne in eine Klinik einchecken zu müssen. Ein Zauberberg am Atlantik.

Die Ärzte der Gegend hatten schon lange beobachtet, dass Matrosen, trotz ihrer schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen, eigentlich nie an TBC erkrankten, wo doch Anfang des neunzehnten Jahrhunderts geschätzt jeder siebte Europäer daran starb. Das ließ nur einen Schluss zu – c’est le climat océanique! (Jenes Klima, das ich in den Wochen hier als doch einigermaßen regnerisch kennen gelernt habe – ich glaube aber den Einheimischen, die mir mit einem Anflug von Schamesröte im Gesicht versichern, dass solch ein nasskalter Frühling ganz und gar unüblich sei.) Die Bankier-Pereires setzten auf das Reizklima am Atlantik und hatten (wie günstig) einen Cousin namens Pereyra, seines Zeichens Arzt, und auch noch (wie günstig) einen Neffen, der als Ingenieur die Arbeiten vor Ort betreute und ein verschlungenes Netz von kurvigen Straßen anlegte, sodass Pinienwälder die kalt-rauhen Atlantikwinde brechen und man, vor Zugluft geschützt, in der frisch-salzigen Meer- und Waldluft genesen konnte. Sie hatten schließlich (wie obergünstig) auch noch einen heißen Draht zum Kaiser Napoleon III, der die Eröffnung der Kurstadt mit seiner Anwesenheit und der seiner Gattin Eugénie beehrte. Wer oder was hätte Arcachon da noch bremsen können.

Arcachon Ville D'Hiver - 2 Arcachon Ville D'Hiver - 4

Die Winterstadt wurde ein voller Erfolg und zog bald viele Nachahmer an, städtebaulich folgte eine zweite Welle, die der foufolles, der Verrückten. Wer es sich leisten konnte, baute sich sein Traumschlösschen, die Architektur war außer Rand und Band geraten, was kostet die Welt, irgendwann standen rund dreihundert Villen auf diesem Hügel. Und durch diese ganze Pracht kann man heute mit dem P’tit Train tingeln. Wir sind Hape, sitzen in der letzten Reihe und winken recht fürstlich allem, was sich am Straßenrand bewegt, einen in Babyrosa gewandeten Junggesellinnenabschied kreuzen wir gleich mehrfach. Man tuckert im Schritttempo bergauf und bergab und lässt sich historischen Klatsch und Tratsch erzählen, eine Bunte-Story zu jeder der Villen. Der spanische König Alfonso XII. hofierte hier seine Künftige, Maria Christina von Österreich. Alexandre Dumas der ältere war da, auch der jüngere, wo hätte er besser Feldstudien zur Kameliendame betreiben sollen. Musikalisch ging es zu: von unserem AirBnB fiel der Blick auf die Villa Gounod, auch Saint-Saëns und Debussy schätzten den Ort, letzterer auch die Zusammentreffen mit seinem Spezl Gabriele d’Annunzio. Toulouse-Lautrec liebte es in der Bucht zu baden. Last but not least: Sissi was here! (Die „Lungenschwindsucht“ hatte sie, glaube ich, schon Jahre früher und auf Madeira auskuriert, in Arcachon versuchte sie 1890 wohl eher die Trauer um ihren Sohn Rudolf zu lindern.)

Von Madame Chauchat ist kein Aufenthalt überliefert, sie hätte dieses Szenario aber zweifellos bereichert und auch hier sicherlich die ein oder andere Tür für einen Knalleffekt gefunden. Vielleicht stieß man auf einen erfolgreichen Kurtag mit einem Absinth an oder rauchte heimlich, fern ärztlicher Aufsicht, Opiumpfeifchen. Belle Époque.

Die Geschichtsschreibung bestätigt, was wir architektonisch schon wahrgenommen zu haben glaubten: Jugendstil und Siebziger. Nach jener pastellfarbenen Epoche mit Häusernamen, die wie Zuckerwatte auf der Zunge zergehen (Hélène, Marjorie, Susette…), kommt erst einmal lange nix mehr. Mit dem Ersten Weltkrieg stirbt der Schwindsucht-Tourismus aus. Arcachons Wiederentdeckung und Wiederbelebung vollzieht sich in den Siebzigern, mit Apartmentblöcken, deren Namen (Aquitania, Nautica…) sich in den Grund rammen wie die Gebäude selbst.

 

Eines aber gab es in dieser Zwischen-Zeit, und diese Anekdote ist schön, fast zu schön, um wahr zu sein: die Skipiste von Arcachon. 250 Meter lang, das Starthäuschen auf 60 Metern Höhe. Die Unterlage aus Piniennadeln, die angeblich sehr gute Fahreigenschaften aufwiesen. Man hielt Wettbewerbe in Abfahrt und Slalom ab, Arcachon war von 1947 bis 1970 stets der letzte Termin im offiziellen Rennkalender des französischen Skifahrverbandes, in einer Reihe mit Chamonix oder Val d’Isère. Hier tummelten sich im Lauf der Jahre die kompletten französischen Nationalteams bis auf die letzte Maus inklusive etlicher Weltmeister – le niveau était très relevé, weiß Wikipedia. In den sechziger Jahren kamen auch einmal die Mannschaften im Langlauf und Skispringen. Letztere angeblich nicht zum Austernschlürfen, sondern tatsächlich zum Hüpfen. Ein Zauberberg.

Ski sur Grepin à Arcachon

 

Hätte man das nicht auch auf der Düne machen können? – À propos die Düne. Ich bin ja ein lernendes System. Und so komme ich bei diesem Anlass halbwegs unverhofft doch noch einmal an die Düne. Wochentags. Mit dem Fahrrad. Von der Meerseite her. Das Picknick ist wieder dabei und wird diesmal am vorgesehenen Ort verspeist. Der Wind auf der Haut, der Ozean vor uns, die Sonne sackt Zentimeter um Zentimeter Richtung Horizont. Einzelne Momente, da alle anderen Besucher außerhalb des Bildrahmens sind.