Man hört das Wasser nicht. Außer an einer Stelle, wo es zurückhaltend durch die Decke tropft, ein helles, gelegentliches, zaghaftes Ploppen, das ein paar Meter weiter auch schon kaum mehr zu hören ist. Ansonsten ist das Wasser ganz still. Und das passt ja auch. Denn das beherrschende Element in der Base sous-marine von Bordeaux ist nicht das Wasser, sondern der Beton.

 

Der Weg zum U-Boot-Bunker führt über brachiales Kopfsteinpflaster und stillgelegte Schienen, die immer wieder irgendwo anfangen, irgendwo enden. Von Süden her räkelte sich die Reihe der alten Kaufmannshäuser in ihrem Sandstein-Understatement entlang der Flusspromenaden. Es folgten Cafés, Outlets und Einrichtungsgeschäfte in den alten Magazinen aus den Zwanziger Jahren. Das Garonne-Ufer, seine Promenaden, alles recht aufgebrezelt bis zu dieser großen Brücke, dem Politiker Jacques Chaban-Delmas gewidmet. Strauß und Kohl Eintagsfliegen verglichen mit diesem Langzeitpolitiker: Er wurde 1947 Bürgermeister von Bordeaux und blieb es bis 1995. Weil ihn das nicht ganz auslastete, war er nach und nach und sozusagen nebenbei auch Minister in verschiedenen Funktionen, Präsident der Nationalversammlung und des Regionalrates der Aquitaine und, ach ja, nicht zu vergessen, Ministerpräsident Frankreichs. Was man also bekommt, wenn man so viel kann, ist unter anderem eine große Brücke, deren Glasfassaden sich je nach Tidenhub grün oder blau einfärben und deren Mittelteil in elf Minuten sechzig Meter nach oben fährt, was alle paar Tage mal vorkommt. Ich habe die Ausfahrt eines jener großen Kreuzer, für die drei Kilometer weiter flussaufwärts an der Pont de Pierre Schluss ist, beobachtet, direkt hinter dem sich entfernenden Schiff am Ufer stehend, da, wo der Mondhafen, Port de la Lune, am stärksten gekrümmt ist. Die hochgezogene Brücke war ein dramaturgisches Element, sie bildete wahrlich eine Hafeneinfahrt oder, aus meiner Perspektive hinter dem auslaufenden Schiff, das Tor zur Welt. Bis zu dieser Brücke also ist das Ufer der Garonne recht schick. Dann ändert sich die urbane Landschaft. Entlang der beiden Bassins, die vom Fluss nach Westen auskragen, ist sie aufgebrochen, erst im Entstehen begriffen, vielleicht war da vorher nichts oder nur sehr wenig, wenig mehr als die beiden Becken und der Bunker, Industriebrachen, Kriegsrelikte. Jetzt entstehen hier Wohnkomplexe, mehrstöckige Häuser mit spitzen Dächern, die in der Reduzierung ihrer Formen und Fassaden an die Klötzchen von Monopoly erinnern. Bordeaux verändert sich, wächst, wächst schnell, es läuft Toulouse den Rang ab als the place to be, bald kommt die extraschnelle Verbindung nach Paris und damit Paris nach Bordeaux. Bald kann man in Paris arbeiten und in Bordeaux ruhiger und günstiger leben, so die Spekulation auf die Zukunft. Menschen, die von Pariser Immobilienpreisen ausgelaugt sind, kaufen sich Häuschen und Wohnungen in Bordeaux, und von daher passt Monopoly vielleicht tatsächlich nicht schlecht.

 

Unter deutscher Besatzung wurde hier anders gebaut, liefen nicht Kreuzfahrtschiffe, sondern U-Boote ein und aus. Weil ich von der falschen Seite her an die U-Boot-Basis herankomme, muss ich das Bassin komplett umrunden, vorbei an Hausbooten und auffallend vielen sehr alten Wohnmobilen und Campingbussen. Bei meinem kommunalen Leihfahrrad rutscht eh schon immer die Kette durch, jetzt klingelt die Klingel eigenmächtig vor sich hin, bisweilen radle ich lieber im Stehen. In den Hangars Schiffsbau und Zubehör, aufgebockt ruht die Didi III Wiesbaden und lässt sich ihre alte Farbe vom Rumpf schleifen, daneben ein McDonald’s. Je näher ich der Basis komme, desto maroder wird alles, ein Schiffsgerippe, eine grün vermooste Hüpfburg. Im Bassin ein halbversunkener Schiffsrumpf mit einer gespenstisch grauen Stoffbären-Kolonie und ein Ast, der sich wie der Arm eines kraulenden Schwimmers aus dem Wasser hebt. Alte Männer angeln im trüben Wasser des zweiten Hafenbeckens. Diese beiden Becken am linken Ufer der Garonne, flussabwärts vom Stadtzentrum und seinen neuen Promenaden, erinnern an alles, was möglich gewesen wäre. Was geplant war und sich schließlich doch als unmöglich oder nicht gewollt erwies. Sie sind das Werk von Ingenieuren, nicht Architekten, und fügen sich nicht ins Bild der Stadthäuser und ihrer lieblichen Fassaden, passen auch nicht zu den modernistischen Hangars der Zwanziger, die die Bordelais noch bauten, obwohl sich ein Hafen, der seinen Namen verdiente und große Tonnelagen umschlug, schon lange weiter flussabwärts in Bassens etabliert hatte. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war Bordeaux der wichtigste Kolonialhafen Frankreichs gewesen. Der Port de la Lune verdankte diesen Status nicht etwa seiner Lage oder gar seiner Ausstattung, sondern allein der landwirtschaftlichen Reichtümer seines Hinterlandes. Von hier aus starteten Wein und Getreide und Eau de Vie in die Kolonien. Nach Bedarfsanmeldungen und ersten Planungen kurz vor der französischen Revolution passierte hundert Jahre lang erst einmal nichts. Der Hafen blieb rudimentär, stets veraltet und anachronistisch bis ins ausgehende neunzehnte Jahrhundert. Attraktiv allenfalls sein poetischer Name. Dann, 1879 begannen die Arbeiten, doch Bacalan, das Hafenviertel, bestand auch 1885 aus nicht mehr als ein paar rauchenden Fabrikschloten, ein paar vereinzelten Häusern drumherum, armselig am Flussufer entlang aufgereiht. Ein buntes Völkchen wohnte hier, auch damals schon viele Spanier, die Kohle von den Schiffen luden. Ein buntes Völkchen, das sich im Zweiten Weltkrieg als widerständig erweisen sollte, Bacalan war ein Ort der Résistance in einer Stadt, die sich ansonsten eher kollaborativ verhielt, die Präsenz deutscher Familien und die guten Handelsbeziehungen mögen ein Grund dafür sein.

 

Und hier, in Bacalan, am hinteren der beiden Becken, bauten die Deutschen also eine ihrer fünf U-Boot-Basen an der französischen Atlantikküste. Eine nachhaltige Hinterlassenschaft aus Stahlbeton, für die Ewigkeit gemacht, unkaputtbar, gleich nach dem Eintreten in die Basis ist eine der Mauern oberflächlich abgeschlagen, ein aufgegebenes Unterfangen, das hilflos wirkt und verloren, das ist nicht die Berliner Mauer. Schon ab der Besetzung Frankreichs 1940 unterhielten die Italiener hier Betasom, beta für Bordeaux, som für sommergibili, U-Boot auf Italienisch. Ein paar Bauteile dieser Basis ragen noch aus dem Wasser des Hafenbeckens und wirken wirklich lächerlich überschaubar und bescheiden angesichts der gigantomanischen deutschen Qualitätsarbeit. Die unglaubliche Menge von 600.000 Tonnen Armierungsbeton, versteinerter Nazi-Terror am Ufer der Garonne, dieses Flusses, der in Tiden atmet, Herz dieser Stadt, dem die Gezeiten des Atlantiks den Takt geben. Die Arbeiten an der deutschen Basis begannen im September 1941 und dauerten fort bis August 1944, als Bordeaux befreit wurde. Hier waren 43 deutsche U-Boote stationiert und 32 italienische, die sich damit die gefährliche Durchfahrt der von den Engländern gehaltenen Enge von Gibraltar ersparten, dass das ein potentiell tödliches Unterfangen war, wissen auch Prochnow und Grönemeyer. Zuständig ab 1941 war die Organisation Todt, ich kann den Namen nicht mehr lesen, schreiben, sagen ohne an Maria zu denken, Maria in der Heimat von Edgar Reitz, die Otto Wohlleben liebt, Ingenieur und Straßenbauer in der Organisation Todt, Maria, die Otto erzählt, sie dachte immer, es heiße Organisation Tod. Worum es mir im Besonderen geht bei meinem Besuch an der Basis, steht am Rande des Parkplatzes auf einem Gedenkstein. Die deutschen Besatzer zwangen die immense Zahl von 26.000 Spaniern aus ihrem französischen Exil (wo sie auch schon in Fremdarbeiterkompanien mehr oder vor allem weniger freiwillig arbeiteten) in die deutsche Kriegsindustrie, hier in Bordeaux waren es wohl um die dreitausend. Siebzig von ihnen sollen zu Tode gekommen sein auf der „Dantesken Baustelle“ dieser Organisation Tod, gestorben an Erschöpfung, ertrunken oder im Beton verschüttet.

 

Bordeaux Bunker - 4Eine Stele aus nacktem Beton erinnert an sie, obenauf weht die Fahne der spanischen Republik. Auf der einen Seite sind zwei verblasste Abbildungen zu sehen und ein Text im Gedenken an Tausende Spanier. Auf der anderen Seite der Stele übersteigt und zertritt ein Mann in Zivil, erkennbar als Spanier durch die Boina in der Hand, die Stahlverstrebungen, in denen Blumen in den Farben der Republik stecken: gelbe Sonnenblumen, rote Rosen, violette Irgendwas. In Zivil tritt er uns entgegen auf der rechten Seite des Flachreliefs; links, kleiner, sehen wir ihn von hinten, in der Uniform der Republik, entschwinden sehen wir ihn ins Dunkel der Geschichte. Bordeaux Bunker - 3Über all dem die Bergkette der Pyrenäen, Horizont von Hoffnung, Heimweh, politischer Leidensgeschichte. NO PASARAN ist in den Beton geritzt, oben, und unten: SORTEZ DES MURS, eine wehmütige Aufforderung an jene, die in den Fundamenten verschüttet liegen sollen. Je länger man das Bild betrachtet, desto mehr Dynamik bekommt es, fächerförmig laufen Linien gegeneinander, es ist die Bewegung einer Drehtür, der junge Mann tritt mir vital entgegen, den Blick fest und ernst auf einen Punkt in der Ferne, in der Zukunft gerichtet. Die beiden Seiten des Denkmals sind so unterschiedlich in ihrer Ästhetik, dass die Stele quasi in zwei Hälften zerfällt. Der Sohn eines Zwangsarbeiters, den ich bei einem weiteren Besuch am Bunker treffe, bestätigt diesen Eindruck und bringt selbst jenen zynischen Spruch ins Spiel: Ein Spanier eine Meinung, zwei Spanier zwei Meinungen, drei Spanier ein Bürgerkrieg. Die verschiedenen Gruppierungen von Nachfahren und Hinterbliebenen in Bordeaux konnten sich 2011 nicht einigen auf einen gemeinsamen Entwurf, und auch heuer gedachten die einen am Tag der Republik, am 14. April, ihrer Geschichte, die anderen schon zwei Tage zuvor, am Tag der Wahlen 1931, eine Behelfskonstruktion des Gedenkens, weil gemeinsames Feiern nicht ohne Streit möglich zu sein scheint.

 

Vorbei an einer weiteren Gedenktafel für Widerstandskämpfer der Résistance mit ihren noms de guerre, Todesjahr aller: 1944, Todesort aller: Deutschland, geht es über ein paar Stufen in den Bunker hinein, zu den vier von elf Becken, an denen man entlangwandern kann. Das Wasser eine ruhende Fläche, das die Betonstrukturen spiegelt, die es überwölben. Im Halblicht gewinnt es Kontur nur da, wo Müll seine Oberfläche bricht, wo Öl in Schlieren auf ihm schimmert. Obwohl der Ort als Kulturzentrum bespielt wird, trotz der Taschenkontrolle am Eingang und der kunstvollen Ausleuchtung, strahlt das Gebäude Verlassenheit aus. Man verliert sich in ihm, obwohl nur wenige Bereiche zugänglich sind. Es macht einen klein. Nicht aufgehoben klein, bescheiden klein wie eine Kathedrale; es knechtet einen nieder. Es wirkt still, doch das täuscht. Es kommt einem so vor, man hört zwar das Wasser nicht; aber es ist nicht still. Vogelgezwitscher durchzieht die Hallen, das Gurren unsichtbarer Tauben, sichtbar nur in den Federn auf dem Boden. Von draußen Verkehrslärm und metallisches Hämmern. Sie begannen damals noch, das Dach mit einem meterdicken und meterhohen Betonraster zu überbauen, bombensicher. Das letzte verbale Vermächtnis der Deutschen hier: Gehweg! Auf dieser Seite nichts abstellen. Sonst nur Beton, Beton mit Wasserschäden, großflächig von den Tauben beschissen, und, da der Bunker nun auch ein Kulturzentrum beherbergt, gekonnt beleuchtet und mit ausgesprochen zeitgenössischen Toiletten.

 

Bordeaux Bunker - 7In niedrigen, komplett schwarz ausgekleideten Räumen wurden haarige Sculptures capillaires des Fris(e)urkünstlers Charlie Le Mindu gezeigt. Haare als Blumenarrangements, Haare zu tribal masks geflochten und vernäht, fluoreszierend wie Quallen und Unterseegetier. Es lief eine Videoinstallation, in der sich ein Tänzer im Ganzkörperhaarkostüm in Serie schüttelt und rüttelt, das ergibt schöne Formen und Konstellationen, ich konnte nicht anders als an Chewbacca zu denken oder die Wischmopps in den Autowaschanlagen. Bei meinem dritten und letzten Besuch im Bunker lief dagegen ein Film des Street Art-Künstlers JR, und da war das Gedenken wieder da, ein Film, der kongenial an diesen Ort passte, eine winterliche Begehung und Begegnung mit Robert De Niro, der uns durch das Hospital auf Ellis Island führt. Während Fliehende um Einlass nach Europa begehren, dort draußen, hier drinnen der Gründungsmythos der USA, der von Anbeginn auf Prüfung, Auswahl, Kontrolle basierte und keinen Sinn, kein Herz, keinen Platz für Einzelschicksale hatte. JR hat diese Einzelschicksale, ihre Gesichter, damalige und heutige, an die Wände und auf die Böden des verlassenen Gebäudes auf Ellis Island geklebt, und sein Film verschärft auf subtile Art die Brachialität der Orte, die Ungerührtheit der Geschichte, denn rühren lassen können sich immer nur Einzelne. Robert De Niro leiht seinen Körper und seine Stimme einem Geist, einem Abgewiesenen, der sich vor der Abschiebung durch Verstecken rettete, rettete für einige Zeit, der Film lässt es offen und macht es zugleich deutlich: nur Aufschub, nur Verzögerung, aber nicht Rettung. De Niro schreitet durch einen langen Gang voller Gesichter namenloser Opfer der Geschichte, die auf den Betrachter zustreben, dringlicher noch dadurch, dass sie zurückgeworfen werden von einem Spiegel, einer stillen Wasserfläche, die vor der Leinwand ausgebreitet daliegt.