Pfingstsonntag. Nach dem Frühstück die spontane Entscheidung, zur Dune du Pilat zu fahren. Zwei Naturmenschen, die an Sand, Licht, Ozean und den Wind auf der Haut denken. Auf halber Strecke zwischen Bordeaux und der Küste die Erkenntnis, dass wir im Stau stehen. Dass das jetzt so weitergeht, bis wir die Küste erreicht haben. Die Erkenntnis, dass Bordeaux und die Düne wie München und der Tegernsee sind.

Statt fünfzig Minuten dauert die Fahrt über zwei Stunden. Stop and Go von Kreisverkehr zu Kreisverkehr. In Laufweite stellen wir das Auto auf einem Forstweg ab und überholen den Stau. Am nächsten Kreisverkehr treffen wir auf die offizielle Parkplatzlandschaft, deren äußere Ränder nicht zu erkennen sind, an die sich in unsichtbarer Ferne drei Campingplätze anschließen, diverse Schranken und Zahlhäuschen, wahlweise mit Visa oder Cash, die ersten dreißig Minuten gratis. Spannendes Konzept, denke ich, und versuche auszurechnen, wie irgendjemand Parken, Zurechtfinden, Hinlaufen, Aufsteigen, Rumgucken und wieder retour in dieser Zeit schaffen will. In der Ferne sieht man schon die Leute im Gänsemarsch die Dünenkante hinaufstapfen; Everest, nur ohne Todeszone. Das mit der idyllischen Gipfelrast war eine Illusion, ist schon klar, so verzehren wir das Picknick unter Kiefern am Rande des Parkplatzes und beobachten Motorradfahrer, Familientrosse, plärrende und nicht-plärrende Kinder, die alle in Richtung Düne pilgern (kaum jemand in die Gegenrichtung). Vom Parkplatz leitet der Fußweg durchs Einkaufszentrum der Düne, also eher Königssee als Tegernsee, hier muss kein Wunsch offenbleiben, von Shirts über Pizza und Eis bis zu Sandbildern im Glasrahmen, alles geboten. Der Weg taucht ein in den Schatten der Seekiefern, wird sandiger, man beginnt einzusinken. Zeit, die Schuhe auszuziehen – der Untergrund weich, feucht, überraschend kalt. Und schließlich die robuste Plastiktreppe, die in den Sommermonaten an die steile Seite der Düne gelegt wird, um dem geneigten Publikum den Aufstieg zu erleichtern und die Düne vor Erosion zu schützen.

 

Später lese ich nach: Die Dune du Pilat ist nach dem Mont Saint-Michel das meistbesuchte Naturdenkmal der großen Nation, mit bis zu 1,4 Millionen Besuchern jährlich. Da wundert dann nix mehr, zumal nicht am Pfingstsonntag, außer vielleicht der eigenen Naivität. (Ungefähr 5.000 Leute haben es auf den Everest geschafft. Am 23. Mai 2010, bisher der Tag mit dem größten Auflauf, tummelten sich 169 Menschen auf dem Gipfel.)

Oben auf dem Kamm fotografiere ich. Weniger die Natur als vielmehr das Phänomen. Jenseits verläuft sich die Menge ein bisschen, schön ist der Blick nach Norden über das Becken von Arcachon und das Cap Ferret, Tummelplatz der Reichen und Schönen. Inlands Austern, atlantikseits die Côte d’Argent, übersetzbar als Silber oder Geld, man mache es sich passend. Landeinwärts die ausgedehnten Kiefernwälder der Landes de Gascogne, wenig besiedelte Gegend, das größte zusammenhängende Waldgebiet Westeuropas. Nach Süden hin häufelt sich die Düne (pilàt heißt so viel wie Haufen; der nahegelegene Badeort Pyla sur Mer existiert erst seit etwa 1920 und verwirrt seither die Schreibweise) zu einem kleinen Gipfel, der jedes Jahr ein bisschen anders hoch ist, so knapp unter 110 Metern. Dort hängt ein farbenfroher Schwarm Paraglider in der Luft, bis dorthin eine sanft zum Wasser abfallende Sandwüste. Nichts als Sand.

 

In der Wüste bleiben Fuß- und Wagenspuren oft über Jahre hinweg erhalten. Die Dune du Pilat ist, anders als auf den verlockend menschenleeren, windgefegten Werbefotos, von Tausenden Fußabdrücken überzogen. Spuren von Menschen, die diese abschüssige Fläche hinauf und hinunter gestiegen, selbst aber schon lange wieder verschwunden sind. Ihre Ein-Drücke bleiben. Auf dieser Sandfläche kreuzen sich ihre Wege mit meinen, mit Eindrücken, mit Lektüren der letzten Zeit.

Wüsten begegnen mir allerorten, ohne dass ich thematisch lesen würde. Bordeaux bietet Zeit, in den ersten Wochen habe ich viel gelesen. Wieder Rebecca Solnit, deren Essaysammlung The Faraway Nearby während der Arbeit an Blutorangen so wichtig war. Solnit zu lesen, ist wie Heimkommen und zugleich Aufbrechen ins Abenteuer. Heimkommen, weil ich mich in ihren Gedanken stets umfangen und aufgehoben fühle, weil ich weiß, dass es gutes Essen geben wird, food for thought. Die vertraute, immer wiederkehrende Freude an der Eleganz und Schönheit ihrer Sprache. Dagegen das Abenteuer ihrer Gedanken, ihrer Sicht auf die Welt. Das Wissen, dass ich etwas gewinne, wenn ich sie lese, und die Spannung, was es denn dieses Mal sein wird. Nun also A Fieldguide to Getting Lost, Reiseempfehlung für alle, die etwas über Verlust, übers Verlaufen, Verlieren und Wiederfinden erfahren möchten. Ein Buch, in dem jedes zweite Kapitel The Blue of Distance heißt und den fernen blauen, ewig unerreichbaren Streifen am Horizont in verschiedenen Variationen erkundet. Solnit schreibt über die Wüste, über ihre Farben, übers Licht als ihr Wesen. Nicht die Fülle an Dingen, sondern der Raum zwischen ihnen – die Fülle von Abwesenheit sei die Einladung der Wüste.

Solnit erwähnt eine Geschichte von Isak Dinesen alias Karen Blixen, in der es um blaues chinesisches Porzellan geht, ich komme an diese Stelle just nachdem ich Out of Africa einmal wieder gesehen habe, der mit Blixens Sorge um ihr Porzellan eröffnet, das in Kisten verpackt mit ihr den Weg nach Kenia angetreten hat. Der Film viel weniger Liebesschmonzette als Biopic einer toughen, nach Selbstbestimmung strebenden und um Anerkennung ringenden Frau, die unter anderem im Ersten Weltkrieg die Wüste durchquert. Und, unter anderem, Denys Finchhatton liebt, der ihr einen Kompass schenkt, als sie vom rechten Wege abgekommen war. Er will ihn später nicht zurück, da setzt er schon einen Widerhaken, aber er möchte auch nicht immer genau wissen, wohin er unterwegs ist. Er navigiert anders, durch die Wüste und durchs Leben.

Im März hatte ich die Ausstellung von Felsmalereien aus der Sammlung des Ethnologen Frobenius im Gropiusbau in Berlin gesehen. Ich ging hin, weil ich hoffte, dort die Schwimmer aus dem Englischen Patienten sehen zu können, und da waren sie. Dieser Film beginnt mit der Überlagerung von drei Ebenen, einer visuellen und zwei akustischen: einem ungarischen Wiegenlied und dem leisen Klirren der Glasflaschen des Heilers, der allerlei Essenzen, Pasten und Öle an ein Joch gebunden mit sich trägt und im Film bald als archaische Gestalt im Gegenlicht leibhaftig, sich wie ein Engel über den verbrannten Patienten beugen wird. Zu seinem tröstlichen Geklirr sehen wir erst einmal eine Pinselspitze Strich um Strich die Gliedmaßen der Schwimmer aufs Papier auftragen, Papier wie Haut, die dem Piloten doch gleich versengt werden wird. Die Schwimmer blenden über, gehen auf in einer Wüstenlandschaft, Sanddünen, Wellen aus Sand, auf denen der Schatten eines Flugzeugs real wird, dann das Flugzeug selbst, das allzubald die deutsche Wehrmacht abschießen wird.

Ich fand die Schau in Berlin sehr berührend. Zeitangaben lauteten in aller Regel „mehrere Tausend Jahre alt“. Wie unfassbar Zeit ist. Wie lange wir schon hier sind und wie kurz. Wie lange Menschen Kunst geschaffen haben, dass dies schon immer zum Dasein gehört hat. Sich auszudrücken, seine Welt abzubilden. Wer schreibt (oder malt), bleibt. Berührend auch die Sorgfalt und beeindruckend die Kunstfertigkeit, mit der die Archäologen und Ethnologen die Felsmalereien im Originalmaßstab kopierten, Techniken rekonstruierten und nachahmten, ja, prickelnd auch das Abenteuer in der Wüste. Im Nachgang unterhielt mich Schwimmer in der Wüste unverhofft spannend, die Wüstenerinnerungen Ladislaus Almásys, der als Expeditionsleiter für Frobenius gearbeitet hatte, bevor er im Zweiten Weltkrieg in Diensten des Deutschen Reichs stand, mit dem Eisernen Kreuz behangen und dann, viel später, Englischer Patient und tragischer Held in Michael Ondaatjes Roman wurde (verfremdeter Held, denn er war wohl weniger der introvertiert-leidenschaftliche Liebhaber einer Katherine Clifton als vielmehr homosexuell und auch nicht brennend vom Himmel gefallen, sondern 1951 in Salzburg an der Amöbenruhr verstorben). Der Film findet schöne Bilder, reicht aber lange nicht heran an den Roman mit seiner komplexen Struktur und der Sprache des Lyrikers Ondaatje. Wieder die Wüste, die Wüsten Nordafrikas, die inneren Wüsten der Charaktere, die alle für sich durch ihre internen Landschaften navigieren müssen, und unter denen der englische Patient nicht der spannendste ist.

Und nun lese ich Mountains of the Mind, eine Kulturgeschichte der unwiderstehlichen Anziehung, die Berge auf die Menschen ausgeübt haben – das Prickeln der Angst, die Erhabenheit der Höhe (natürlich wird der Everest nicht fehlen). Ganz was anderes – dachte ich. Doch Robert MacFarlane beginnt ganz vorn, ganz unten, mit der Geschichte der Geologie, mit der Kultur des Denkens über Steine, Berge, die Erde. Darüber, dass das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert die Ausweitung des Raumes brachten, das neunzehnte aber die Ausdehnung der Zeit, ein Dehnung ins nahezu Unendliche, jedenfalls Unvorstellbare, im Vergleich dazu ist „mehrere Tausend Jahre alt“ Kinderkram. Dass wir das Wesen der Berge, ihre Bewegung, ihr Fließen in Wellen, nicht beobachten, nur imaginieren können, liegt an unserer kurzen Verweildauer: Eintagsfliegen. Die Erfahrung der eigenen Nichtigkeit hat zugleich etwas Erhebendes, ist eine Rückversicherung des eigenen Daseins. Nichts, nichtig, aber dennoch da.

 

Im Vergleich zu den Bergen ist die Wanderdüne schnell wie ein Blizzard, irgendwo zwischen Eintagsfliege und the great stone book, den Bergen als Archiv der Erde. Im Jahr 2000 hatten Wind und Gezeiten die Dune du Pilat so stark erodieren lassen, dass ihre innere Struktur zutage trat, sich die Düne lesen ließ wie ein Geschichtsbuch. Zuunterst, 18.000 Jahre tief: Kieselsäure, Eisen, Torf, Hölzer und Pollen von Pinie, Haselnuss, Birke und Weide. Süßwasser fließt hier bei Ebbe ins Meer. Vier Meter oberhalb beginnt eine Dünenschicht, die aus der Zeit von 4.000 v.C. stammen soll, Sande, die der Wind in diesen Wald trieb. Auf zwanzig bis vierzig Metern Höhe fanden sich menschliche Relikte, Feuersteinwerkzeuge aus dem Jahrtausend v.C. sowie mittelalterliches Tongeschirr und Münzen. Was man halt beim Picknicken so verliert. Auf diesen Parabeldünen, also ab vierzig Meter aufwärts, sitzen Barchanen; Sicheldünen, die genau umgekehrt zur Windrichtung ausgerichtet sind, deren ausgehöhlte Seite vom Wind abgewandt ist und die Marschrichtung anzeigt. Das nördlich vorgelagerte Cap Ferret wuchs im achtzehnten Jahrhundert um vier Kilometer Richtung Süden, was die Winde veränderte und auch die Düne. Die starke Küstenerosion Ende des achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts stellte die Mengen Sand bereit, die es brauchte, um die untenliegenden Parabeldünen mit den Barchanen zu überdecken und auf fast 120 Meter zu kommen. Wandertempo sind gemächliche, aber sich über die Zeit zweifellos läppernde ein bis fünf Meter im Jahr landeinwärts, Richtung Wald, die künftige Schicht von Torf, Hölzern, Pollen. (Wandertempo des Everest, himmelwärts, sind fünf Millimeter im Jahr, was sich in den Zeitläuften der Erdgeschichte auch läppern kann, bis ihn irgendwann Erdbeben und Erosion ruinieren werden.) MacFarlane versteht die Grammatik der Landschaft, weiß um ihre Etymologie, erfreut sich an der Schönheit ihrer Kalligrafie, und etwas dieser Lektüre legt sich über meine Erinnerung an den Besuch der Düne. Bringt Einsichten. Nimmt Menschen weg.

Heute fliegt weniger Sand als früher. Die Dune du Pilat verliert an Höhe. Die Verwaltung hat die Versuche aufgegeben, sie zu befestigen. Man konnte sie am nördlichen Ende stabilisieren, eine Wohngegend schützen. Südlich pfeift der Wind durch eine Bresche, die Düne frisst sich ungebremst in den Wald, an ihrem Ende kalbt sie. Der Abstieg an ihrer steilen, landwärts liegenden Seite ist ein Gehen, Springen, Schlittern, und ich erinnere mich einen Moment lang an die Besteigung des Jbel Toubkal im Hohen Atlas, auch so eine große Steinwüste, der Aufstieg frühmorgens mit Steigeisen durch harschen Schnee, beim Abstieg im Sulz der Mittagszeit zeigte sich in der Selbstverständlichkeit der Bewegungen, wer Skifahrer war und wer nicht.

 

Der Tag endet damit, dass etwas verloren geht. Über und zu Solnit sagte jemand, ihr Schreiben drehe sich oft um Verlust. Sie erklärt es mit der Sehnsucht der Historikerin, Dinge zu bewahren, sie dem Vergessen zu entwinden – und mit der tagtäglichen Erfahrung, dass zu viele Dinge unwiederbringlich verschwinden: Es ist, als machten wir die Ausnahme zur Regel, als glaubten wir, dass wir haben sollten, statt dass wir im Allgemeinen verlieren. Wir sollten in der Lage sein, anhand der fallengelassenen Objekte unseren Weg zurück zu finden, wie Hänsel und Gretel im Wald…. Stattdessen stellten die meisten Objekte die geheimen Ordnungen unserer unwiederbringlichen Vergangenheit dar. Kehren in Träumen zurück, in denen nichts außer dem Träumenden verloren ist. Keine Zeitreise, sondern schiere Vergänglichkeit, auch wenn der Verlust noch ein Echo in die Gegenwart sendet.

Und schließlich überlagern sich all diese Schichten. Die Menschen sind schon lange verschwunden. Sand, Ozean und der Wind auf der Haut. Solnit: Maybe writing is its own desert, its own wilderness. Das Licht. Die Weite zwischen den Dingen. Die Überfülle von Nichts, in der Gedanken wandern können. In der es sich schreibt. Terra incognita.