Hölderlin was here. Der alte Schwabe. Ob’s zu seinem Wohle gereichte, mag dahingestellt bleiben: Bordeaux der Ort, an dem 1802 sein Schicksal und sein Geist so tragisch brechen. Danach ist er nicht mehr derselbe, danach ist er der Hölderlin im Turm. (Exaggerating for effect – der Akkuratesse halber: im Tübinger Turm erst ab 1807.)

Nach verschiedenen Stationen als Hauslehrer … unter anderem in Frankfurt beim Bankier Jakob Gontard, mit dessen Frau Susette er in eine große Liebesbeziehung stürzt … in aller Regel und nicht nur in Frankfurt wird ihm gekündigt … bricht Hölderlin im Winter 1801/02 zu Fuß von Nürtingen nach Bordeaux auf. Er soll Hauslehrer werden für die Kinder des Hamburger Konsuls und Weinhändlers Daniel Christoph Meyer. Ab dem siebzehnten Jahrhundert waren zunehmend deutsche Kaufleute aus norddeutschen Hafen-, Handels-, Hansestädten nach Bordeaux gekommen. Die meisten Kaufleute der colonie allemande waren Protestanten, heirateten wohl verhältnismäßig leicht in die angelsächsisch geprägte örtliche Gesellschaft ein. Zu den bekannten deutschen Namen zählt die Familie Cruse, bis heute im Weingeschäft tätig, sie hat zuletzt aber eher (allerdings nicht allein, ein dreckiges Dutzend war beteiligt) durch mit algerischem Wein verschnittenen Bordeaux Aufsehen erregt. (Läuft das dann unter Cuvée?) Außerdem logierte hier der Frankfurter Bankierssohn Johann Jakob von Bethmann. Die Bethmännchen von Bordeaux heißen allerdings Canelés: winzige gugelhupfförmige Küchlein mit karamellisierter Kruste, das Innere weich, cremig und voll mit Rum und Vanille (gebe hier mit rein angelesenem Wissen an, weil ja auch voll mit Gluten und daher nicht für mich, ne). Was halt so passiert, wenn man Eiweiß zum Klären des Rotweins braucht und dann einen kreativen Umgang mit all dem Eigelb pflegt. Die Dinger liegen hier alle hundert Meter frisch und verlockend in den Auslagen.

Von Hanseaten und Hessen zurück zu den Schwaben. Der Kulturwissenschaftler Thomas Knubben (Schwabe) hat sich zweihundert Jahre nach Hölderlin auf dessen Spuren auf eine „Winterreise“ begeben und ein schönes Buch daraus gemacht. Ich hab’s mir im Vorfeld dieses Aufenthaltes gekauft, es mit den beiden Wanderern aber leider nur bis Straßburg geschafft – und demnach nicht erfahren, ob Knubben dem Hölderlin wirklich auf die Schliche gekommen ist. Man weiß nicht so richtig, was hier in Bordeaux eigentlich vorgefallen ist. Hölderlin, ein knackiger Wanderer, der locker mal vierzig Kilometer am Tag runterriss, litt schon vor der Reise an „schwerer Hypochondrie“, die sich nach seinem letzten Treffen mit Susette im Jahr 1800 verschlimmerte. Nach nur wenigen Monaten bricht Hölderlin seinen Aufenthalt ab, Gründe unklar. Am 7. Juni 1802 überquert er auf der Rückreise die Rheinbrücke bei Kehl, erreicht Stuttgart jedoch erst mehrere Wochen später und in einem erbärmlichen Zustand, nervlich erschöpft, erschüttert und verwirrt, so verwahrlost, dass seine Freunde ihn kaum wieder erkennen. Susette stirbt am 22. Juni in Frankfurt an Röteln, eine Nachricht, die Hölderlin vermutlich spätestens Anfang Juli 1802 in Stuttgart erreicht, vielleicht hatte sein überstürzter Aufbruch aber bereits mit ihrer Erkrankung zu tun. Die nächsten zwei Jahre lebt er bei seiner Mutter in Nürtingen (die ihr Leben lang peinlich Buch führt, was der Sohnemann sie kostet), arbeitet wie besessen, wird wohl auch immer besessener.

Do not exaggerate for effect, mahnt mich ein Freund per Mail, er nennt es Ergänzung, ich die freundlichste und informativste Rüge, die ich je erhalten habe. Übertreibe nicht, du tust dem Dichter unrecht: „der Hölderlin im Turm war er danach noch lange nicht, schrieb vielmehr einige seiner besten und geheimnisvollsten Gedichte“, einen Literaturhinweis gibt er mir noch dazu.

Ich mache mich auf zu Mollat, jener Einzigartigkeit, die mir meine Gastgeberinnen beim ersten Stadtrundgang voller Stolz zeigten, die größte unabhängige Buchhandlung Frankreichs. Mollat nimmt im Stadtzentrum ein ganzes Karree ein, das Parterre mehrerer Häuser, von außen trotz verschiedener Fassaden erkennbar durch das kräftige Blau über den Fenstern, im Innern ein gut ausgewiesener Irrgarten voller Durchbrüche, Brücken, Treppen und Oberlichter, voller Bücher und Folianten und Musik und anderer Schöpfungen aus Papier und Gedanken. Wie es mir so oft mit Literaturhinweisen, auch mit Adressen, Treffpunkten oder Notfallnummern ergeht, ich schreibe sie auf und verlasse das Haus ohne den Zettel. So stehe ich bei Mollat in der internationalen Abteilung und weiß lediglich anzugeben, dass es um Hölderlin geht und wie die Autorin mit Vornamen heißt. Ich reime einen Buchtitel zusammen, der das Wort chemin enthält, doch spielt mir meine Erinnerung einen Streich; die einzigartige Buchhändlerin in der einzigartigen Buchhandlung findet trotzdem, was ich suche, und hat es auch noch da!, ein völlig abwegiges, achtundvierzig Seiten schmales Bändchen mit einem Prosagedicht über Hölderlins Rückreise von Bordeaux nach Deutschland: Dans le temps qu’il marchait.

Die Dichterin Michèle Desbordes zeichnet Hölderlins Weg nach, durch die Weinberge, entlang der Ufer der Dordogne, glänzende Ufer von der Farbe des Himmels, ihr Text ist eine poetische Mutmaßung über das Zurückkommen, wenn einer den Gusto der Heimkehr verloren hat. Hölderlins Weg wird labyrinthisch beschrieben, in Schleifen und Kurven wie der Lauf der Dordogne, ein Weg, der im leichten Schatten des Sommers unterm Laub beginnt, der Weg eines wahrhaft Reisenden, der innerlich aufgebrochen ist, wirklich entschlossen, unterwegs in Richtung Blau. Er wandert und wandert, den Blick auf den Horizont gerichtet, auf jenen Streifen Horizont, der immer blau, immer unerreichbar bleibt. Jenes Blau, the blue of distance, das mir in diesen Wochen doch auch bei Rebecca Solnit begegnet war, noch so ein Text, der kreist und den Verlust, die Kunst des Sich-Verlierens in immer neuen Runden, immer neuen Schichten und Variationen erkundet. Zu wie vielen sind sie unterwegs, die Frédérics, die Scardanellis, wer war ihm Begleitung und Gesellschaft? Einundzwanzig Tage bis zur Grenze, danach noch einmal dreißig von Kehl bis Nürtingen, jener Monat, der nicht belegt ist, jene Zeit, die vermutlich durch Frankfurt führte, ein Weg vom Leben zum Tod, zum Tod Susettes, am Ende gibt es für Hölderlin plus rien à chercher plus rien à marcher ni étoiles ni bleu d’été. Nach produktiven Jahren in Homburg wird Hölderlin Ende 1806 unter Vorwänden und dann mit Gewalt ins Tübinger Uniklinikum verbracht, dessen Methoden zur Behandlung von Wahnsinn für die damalige Zeit als fortschrittlich gelten. Hölderlin-Turm klingt wie Erlösung.

 

Was bleibet aber, stiften die Dichter. So steht es auch auf der Plakette am schönen Meyer’schen Haus am Anfang der Allées de Tourny, in unmittelbarer Nachbarschaft von Straßen benannt nach Rousseau, Diderot, Montaigne (der hier mal Bürgermeister war, aber während der Pest 1585 nicht von einer Reise in die Stadt zurückkehrte, was man ihm heute noch etwas schäps nachträgt). Das klassizistische Haus ist wahrlich schwer beeindruckend (ein Schwabe würde sagen: „scho‘ recht“), am Rande des „Goldenen Dreiecks“ gelegen, wo genau das Zeug verkauft wird, was man unter diesem Etikett erwartet. Gute Gegend, oder, in den Worten Hölderlins: „Ich wohne hier an einem beinahe zu schönen Ort“. Aus den oberen Etagen muss man die Garonne, ihre von den Tiden bestimmten Gezeiten, die Schiffe damals und heute, die auf dem jenseitigen Ufer liegende, üppig grün bewachsene Stufe sehen können.

Ironie des Schicksals, Treppenwitz der Geschichte, natürlich, immer, wie auch nicht, und das macht es wieder so schön, so zeitgemäß und gebrochen: Im Palais vom Monsieur Meyer ist der Kolonnadengang unter der Balustrade heute exquisit verglast, die Scheiben streifenfrei geputzt. Hier wohnen jetzt AirFrance und eine Immobilienfirma. Im Haus vom Hölderlin. Dem alten Fußgänger, dem ewig Unbehausten. Was bleibt, ist Hölderlins Gedicht „Andenken“. Was bleibt, stiftet der Dichter: Pars donc et porte mon salut à la belle Garonne et aux jardins de Bordeaux … mais les poètes seuls fondent ce qui demeure.

 

Das Kontrastprogramm

Am gegenüberliegenden, nicht-Hölderlin’schen Ende der kurzen Allées de Tourny liegt L’Entrecôte. In jeder Hinsicht Kontrastprogramm. Hier war ich am ersten Wochenende, ich hatte Besuch aus Deutschland, es regnete den ganzen Tag, von oben, von der Seite, aus der Garonne heraus, ein Wetter, wie es eigentlich nur das schwäbische Saich angemessen umschreibt.

Wir wollen F l e i s c h. Die Restaurants gegenüber der Opéra National sind uns ein wenig zu schnittig. Wir überqueren den Platz und gehen auf die gelbe Leuchtschrift L’Entrecôte zu. Während an diesem Samstagabend manche Lokale rammelvoll, andere jedoch verdächtig leer waren, steht vor diesem Etablissement bereits eine Schlange bis raus auf die Straße. Gutes Zeichen, lohnt sich das Warten, was hat es damit auf sich? Wir trauen uns, die Leute vor uns anzusprechen. Sie weihen uns ein – etwas ganz Lokales (stimmt nicht ganz, ist eine Franchise, gibt es auch in Toulouse und Lyon), nur falsches Filet, 600 Mal an der Zahl jeden Abend, wenn aus is is aus, man kann nicht reservieren, leider viele Japaner. Derweil hat sich ein Dutzend Leute hinter uns angestellt. Der ältere Mann, Frédéric heißt er, schwärmt von der Soße. Die Soße! Man bekommt seine Portion Fleisch, Fritten à volonté, und wir sollen ja nicht an der Soße sparen, alles verteilen, was uns aufgetischt würde, die Anleitung durch viel Gestik untermalt, man sieht Die Soße! geradezu aus seinen Fingerspitzen träufeln. Natürlich ist die Soße ein Geheimrezept, aber so viel ist bekannt: aus Knochenmark, Frédéric umfasst sich mit beiden Händen den Schenkel. Wie war das nochmal mit BSE? Egal. Wir sind auf eine Goldmine örtlicher Gastronomie gestoßen, um uns herum wird nur Französisch gesprochen, Japaner weit und breit keine, wir haben’s im Gespür: das wird ein guter Abend. Mit Frédéric plaudern wir über Herkunft, über das Elsass, Freiburg, wo er dummerweise Hamburger und nicht lokale Spezialitäten gegessen hat. Mittlerweile sind wir an der Ecke angekommen, wo die Schlange vom Bürgersteig in den Eingangsbereich abbiegt, hinter uns reicht sie mittlerweile bis zur Kreuzung. Wir plaudern über die Region, er beginnt uns Tipps zu geben, ich erzähle vom Vespa-Plan, von der möglichen Route, und sieh an, durch die Dordogne, aus der Frédéric stammt, Mailadressen werden getauscht, er wird uns einen itinéraire zusammenstellen, idyllische Flusstäler, Schlösser, die Höhle von Lascaux, die – sieh an – im Übrigen ein Freund seines Schwiegervaters entdeckt habe, seine Frau steht daneben und grinst.

Es ist wie im Museum, immer wieder wird ein Schwung Leute eingelassen und die Schlange rückt ein paar Schritte vor, französische Kinder warten mit einer vollkommen surrealen Geduld. Das Napoleon III nebenan ist gähnend leer, trotz des Hipster-Kellners, der schlank und schön, gut frisiert und akkurat getrimmt auf der Schwelle steht. Wagner soll hier logiert haben, als er sich 1850 außerehelich verliebt hatte. Weder der Wagner noch der Hipster scheinen für ausreichend Kundschaft zu sorgen. Sie könnten das Geschäft ihres Lebens machen, wenn sie mit einem Tablett voll Aperitivs hier an der Schlange entlangwanderten. Ein skeptischer Blick in den Himmel, wir erreichen den Hauseingang jedoch trocken, schieben uns durch das schöne Treppenhaus aus gehauenem Kalkstein empor, kommen in den Einzugsbereich der Restauranttüre, durch deren Schlund sich die Leute glückselig einsaugen lassen, Vierergruppen, der Achter, noch einmal müssen wir Viere vorbeiziehen lassen, dann heißt es endlich: Deux?! Tout en haut!

 Wir tauchen ein in die umtriebige Welt des L’Entrecôte, Treppen führen hinauf, hinab, wir folgen der Bedienung ganz nach oben und setzen uns an einen Tisch, wie alle anderen mit einem kanarienvogelgelben Tuch bedeckt, die Wand ist mit großen Spiegeln behangen, dazwischen Tapete in Schottenkaro und ein Rinderkopf in 3D. Mit unserem Wunsch nach einem Pastis vorneweg bringen wir das übliche Procedere schon ziemlich durcheinander, ansonsten gibt es hier in der Tat nur zwei Entscheidungen zu treffen: Rot oder Rosé? Blutig, à point oder durch? Und allenfalls noch eine dritte: Nachschlag Pommes? (Unnötig.) Und für die ganz Harten womöglich noch eine vierte: Profiteroles? (Undenkbar.) Ein Essen nach dem anderen wird hier rausgehauen, die Bedienungen sind teilweise echte Zenzis, auf den Toiletten Muhen und Gebimmel von Kuhglocken. Das Fleisch ist zart, der Abend liegt mir in der Nacht aber doch eher schwer im Magen. Vielleicht Die Soße!? Die Soße enthält, wie bei Schnecken, viel Kräuterbutter, Kräuterbutter schmeckt immer. Vielleicht enthält sie, neben ihren undefinierbaren Komponenten, auch ein bisschen Gluten, wer weiß. Anyway, Fleisch lecker, Pommes nicht schlecht, der Wein auch nicht falsch. Das Drumherum ist die Geschichte wert, nicht das Essen. Prinzip verstanden. Dann werden auch schon die Rechauds und Teller abgetragen. The Filet must go on.